Kooperation mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Begegnung auf Augenhöhe

auf Augenhöhe

Eine gute Kooperation mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie bringt Ruhe in das System. Das ist die Erfahrung des SOS-Kinderdorfs Zwickau. Im Gespräch beschreiben die Bereichsleitungen Susanne Rascher und Martin Pollmann gelingende Schnittstellen zur Kinder- und Jugendpsychiatrie: „Durch den regelmäßigen Austausch mit der Chefärztin ist bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine andere Sichtweise entstanden. Es wird fachlicher geschaut: Was brauchen psychisch belastete Kinder, was trage ich dazu bei, und was sind positive oder auch weniger positive Auswirkungen meines Handelns? Der Alltag ist professioneller geworden.“

Wie eine gute Kooperation gelingt
Eine Voraussetzung für die gute Zusammenarbeit der Jugendhilfe mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist, dass die Beteiligten persönlich in Kontakt kommen und Zugang zur Perspektive des anderen finden. So können sie die Logik und die Kompetenzen des jeweils anderen Systems (an)erkennen und auch mögliche Vorurteile abbauen. In Zwickau näherten sich das SOS-Kinderdorf und die Kinder- und Jugendpsychiatrie in regelmäßigen Gesprächen, gemeinsamen Fortbildungen und Fallberatungen intensiv an. Inzwischen ist ein großes Vertrauen gewachsen, das sich unter anderem darin zeigt, dass beide Seiten auch Fehler beim eigenen Vorgehen eingestehen können, resümiert Pollmann: „Es ist sehr entlastend, zu erkennen, dass keine der beiden Institutionen perfekt ist, und ohne Sorge auch Punkte benennen zu können, die vielleicht nicht optimal gelaufen sind.“

Martin Pollmann © SOS-Kinderdorf Zwickau, Martin Pollmann vergrößern

Jeden zweiten Monat kommt die Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie Zwickau zu Fallberatungen in die SOS-Einrichtung. „Für die Klinik liegt der Nutzen dieser Kooperation darin, dass sie viel tiefere Einblicke in die Heimerziehung bekommt, bis hin zur Zusammenarbeit mit dem Jugendamt“, so Pollmann. Das SOS-Kinderdorf wiederum erfährt Unterstützung durch Beratung und neue Impulse – sowohl aus medizinischer Sicht als auch aus einer systemischen Perspektive. „Durch diesen Blick auf das Gesamtsystem fällt es leichter, Erklärungen für ungewöhnliches Verhalten von Kindern und Jugendlichen zu finden. Wenn ich nicht nur das Verhalten des Kindes hier in der Gruppe, sondern auch seine Familiengeschichte betrachte, kann ich leichter erkennen, warum ein Kind in dem Moment so ist, wie es ist“, ergänzt Rascher. Auf Basis dieser Hypothesen entwickelt das Team zusammen mit der Kinder- und Jugendpsychiaterin Ideen für das konkrete Handeln im Alltag.

Fallbeispiel Deeskalation

Mädchen nach Wutanfall © southnorthernlights / photocase.de vergrößern

Im Fall einer Geschwistergruppe, die zusammen in einer Kinderdorffamilie in Zwickau untergebracht war, kam es beispielsweise regelmäßig zu Eskalationen, da sich die drei Kinder, gerade auch nach Zusammenkünften mit dem Herkunftssystem, immer wieder gegenseitig angetriggert und hochgeschaukelt haben. Pollmann berichtet: „Der Älteste nahm eine Kontrollfunktion ein; er meinte, immer für seine Geschwister sorgen und sie verteidigen zu müssen. Seine jüngere Schwester räumte im Affekt regelmäßig ihr Zimmer aus, warf die Sachen in den Flur hinein oder schlug alles kurz und klein. Die Erzieherinnen und Erzieher fühlten sich hilflos und wussten nicht, was sie tun sollten.“ In der Fallberatung gelang es, die Situation besser zu verstehen: Die leiblichen Eltern waren mit der Fremdunterbringung nicht einverstanden und ließen die drei Kinder ihre Unzufriedenheit permanent spüren. Zugleich gab die Herkunftsfamilie den Geschwistern Aufträge mit, die sie überforderten und in destruktive Rollen drängten.

Letztlich kam das Team zu dem Entschluss, die Geschwistergruppe zu trennen und auf verschiedene Häuser aufzuteilen. „Wir versuchen grundsätzlich schon, solche Situationen auszuhalten und die Geschwister zu unterstützen, einen anderen Umgang miteinander zu finden“, so Pollmann. „Aber in manchen Situationen müssen wir sie vor negativen Einflüssen aufeinander schützen. Die Kinder sollen im Dorf weiterhin Kontakt haben, sich aber in der getrennten Unterbringung freier entfalten können. Durch das Zusammenwirken mit der Psychiatrie ist uns dieser Schritt ein bisschen leichter gefallen. Die Kinder konnten sich im neuen Setting tatsächlich relativ schnell von ihren Rollenzuschreibungen lösen.“

Susanne Rascher © SOS-Kinderdorf Zwickau, Susanne Rascher vergrößern

Dass sich die Erkenntnisse aus der Fallberatung positiv auf die Handlungskompetenz der Mitarbeiter auswirken, ist in der Einrichtung spürbar. „Auch die Zahl der Krisen und der Aufnahmen in die Psychiatrie ist rückläufig“, bemerkt Rascher. Sollte doch mal eine Akutsituation auftreten, gelingt es der Einrichtung durch die gute Vernetzung mit dem Gesundheitssystem, kurzfristig Termine bei Spezialisten zu bekommen.

Beratung durch die Kinder- und Jugendpsychiatrie Basel
Das SOS-Kinderdorf Schwarzwald pflegt eine besondere Form der Kooperation mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie: Neben den lokalen Strukturen nutzt die Einrichtung insbesondere die Beratung durch die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsklinik in Basel (UPK). Im Gegensatz zum deutschen System ist es in der Schweiz obligatorisch, dass die Psychiatrie mit der Kinder- und Jugendhilfe eng zusammenarbeitet. So bringt die UPK Basel eine große Expertise auf diesem Gebiet mit und hat u.a. das SOS-Qualifizierungsprogramm „Psychisch belastete Kinder und Jugendliche verstehen, sichern, stärken“ mitentwickelt.

„Die größte Herausforderung in der Kooperation der beiden Systeme ist es, eine gute jeweilige Akzeptanz und eine Begegnung auf Augenhöhe hinzubekommen“, so Einrichtungsleiterin Karin Schäfer. Entsprechend wichtig waren die Vernetzungsgespräche vor Ort und die Rollenklärung zwischen den Beteiligten: dem SOS-Kinderdorf, Dr. Luther von der UPK Basel, einer niedergelassenen kinder- und jugendpsychologischen Fachpraxis, einem Kinderarzt und der Freiburger Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ziel war es u.a., verbindliche Absprachen für die Zusammenarbeit, insbesondere in der Krisenintervention zu treffen.

„Gute Gründe“ für auffälliges Verhalten verstehen

Dr. Matthias Luther

Dr. Matthias Luther

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In die monatlichen traumapädagogischen Fallberatungen durch Dr. Luther bringen die Teams aus dem SOS-Kinderdorf Schwarzwald konkrete Fälle und vorbereitete Fragestellungen ein. Auf dieser Basis geht es – wie auch im Kinderdorf Zwickau – darum, ein größeres Verständnis für das Kind oder den Jugendlichen zu entwickeln, gemeinsam zu überlegen: Was könnte in der Herkunftsfamilie der gute Grund für das Verhalten des Kindes gewesen sein?

Schäfer berichtet von zwei Jungen mit einer ausgeprägten autistischen Störung, hohem Gewaltpotential und sexualisiertem Verhalten, die mehrfach im Fokus der Beratung standen: „Die beiden kommen aus Verhältnissen, die man sich kaum vorstellen kann. Die Eltern ließen alle Kinder vom ersten Tag an verwahrlosen.“ Ältere Geschwister berichten in Briefen von sexuellem Missbrauch seitens des Onkels, der in der Familie aus- und einging. Einiges deutet darauf hin, dass auch die beiden Jungen missbraucht worden sind.

„Wenn man sich als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter in diese Situation, in die Not der Kinder hineinversetzt, dann versteht man meist recht schnell, was hinter ihrem Verhalten steckt“, so Schäfer. „Ein guter Grund, autistisches Verhalten zu entwickeln, ist, sich in solchen Momenten einfach ‚wegzubeamen‘ nach dem Prinzip: ‚Ich bin nicht mehr da, ich ertrage das nicht, was mir da passiert‘. Das lässt sich als Überlebensmechanismus verstehen.“ Solche Zusammenhänge und Mechanismen zu erkennen, hilft dabei, ein tieferes Verständnis zu entwickeln. Für die Fachkräfte geht es nicht darum, das Verhalten zu akzeptieren, sondern allein darum, es zu begreifen und einordnen zu können.

Impulse aus der Fallberatung
Junge mit vertrauensvollem Blick © stm / photocase.de vergrößern In den Fallbesprechungen wird dann konkret vereinbart, welche Interventionen das Team ausprobiert. „Da hat man einen großen Spielraum“, erklärt Schäfer. „Man kann das eigene Verhalten ändern, mal anders, vielleicht auch paradox intervenieren. Oder auch mal bestimmte Verhaltensweisen eines Kindes aushalten und gar nichts sagen. Und beobachten, was dann passiert. Wenn jemand mit einem Blick von außen mit auf das System schaut, die richtigen Fragen stellt und Impulse aus psychiatrischer Sicht hineingibt, kommt man manchmal zu ganz neuen Ideen.“

In der gemeinsamen Fallarbeit und mit dieser Haltungsänderung lässt sich die Handlungssicherheit der Mitarbeiter erhöhen und ein neuer Zugang zum Kind oder Jugendlichen finden. „Es geht darum, das Tor wieder zu öffnen, sodass die Kinder spüren können: ‚Hier werde ich so gesehen, wie ich bin, ich werde ernstgenommen und jemand will, dass ich bleibe‘. So können sie sich einlassen und irgendwann vielleicht auch an ihre Verletzungen gehen“, so Schäfer.

Die Erfahrungen beider SOS-Einrichtungen zeigen, dass eine gute Kooperation zwischen der Kinder- und Jugendhilfe und der Kinder- und Jugendpsychiatrie diesen Prozess unterstützt. Die Zusammenarbeit beider Systeme auf Augenhöhe trägt dazu bei, dass pädagogische Teams belasteten jungen Menschen mit größerer Sicherheit und Ruhe begegnen und ihnen verlässlichere Beziehungen anbieten können. Letztlich gelingt es so auch, früher wahrzunehmen, dass sich Krisen anbahnen, und die Verweildauer der Mädchen und Jungen in der Kinderdorffamilie oder Wohngruppe zu erhöhen. 

 

Titelfoto: AlexAlex / photocase.de


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