Das Programm BEP aus Teilnehmersicht

"Meine Position finden und eine professionelle Identität als Pädagoge entwickeln"

Teilnehmer/-innen Janina Huttner und Mathias Bofinger

Das Programm „Berufseinstieg als Pädagoge/-in bei SOS-Kinderdorf (BEP)“ will Berufseinsteigerinnen und -einsteigern in den stationären Hilfen zur Erziehung schnell Handlungssicherheit geben, damit diese gut und professionell in ihrem spezifischen Arbeitsfeld agieren können. Das kommt einerseits den Betreuten zugute, zum anderen erhalten die neuen Kolleginnen und Kollegen die erst wenig einschlägige Berufserfahrung mitbringen, bei ihrem Praxiseinstieg sachgerechte Unterstützung. Fachwissen, Handwerkszeug und die Gelegenheit zur Reflexion ihres pädagogischen Handelns in herausfordernden Situationen befähigen sie dazu, ihre Arbeit sicher, kompetent und motiviert zu gestalten. Soweit das Konzept des Einführungsprogramms. Und wie beurteilen das die neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst? Inwiefern fühlen sie sich durch die Teilnahme am Programm bei der Bewältigung ihrer beruflichen Herausforderungen unterstützt?

Herausforderungen

„Für mich ist es natürlich eine Herausforderung, Entscheidungen in Bezug auf fünf Jugendliche allein zu treffen“, berichtet Janina Huttner. Die Sozialpädagogin betreut eine SOS-Jugendwohngruppe in Augsburg: „Wenn man Einzeldienste hat, sind gute Übergaben und die anschließende Reflexion im Team oder im Programm BEP für uns ganz entscheidend.“ Erst dadurch bekommt die 27-Jährige hilfreiches Feedback und Anregungen. Sie erfährt, was sie gut gelöst hat bzw. wie sie in vergleichbaren Situationen alternativ handeln könnte. Schließlich kommt es darauf an, dass sie die Jugendlichen bei ihrer Identitätsfindung, in Ablösungsprozessen, auf der Suche nach beruflichen Perspektiven und beim Meistern von Lebenskrisen gut begleitet und entsprechende Emotionen der jungen Menschen aushält.

BEP-Teilnehmerin Johanna Wiglinghoff © SOS-Kinderdorf e.V. BEP-Teilnehmerin Johanna Wiglinghoff vergrößern

Dass das Handeln und Entscheiden in der Praxis viel anspruchsvoller ist als dies in der Theorie aussieht, formuliert Johanna Wiglinghoff so: „Im Studium lernt man viel über gute pädagogische Arbeit, aber keine vorgefertigten ‚Wenn-dann-Lösungen‘, insbesondere nicht: Was mache ich wenn…? Um im individuellen Kontakt und in der jeweiligen Situation angemessen zu handeln, braucht man Erfahrung und Reflexion. Daher empfindet die Sozialpädagogin die Methoden des Einführungsprogramms, wie z.B. die Supervision in der Peergruppe, auch als so wertvoll: „Mir hilft es vor allem, im Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen meine Arbeitsweise und meine Entscheidungen zu überdenken und gemeinsam ein Handlungsrepertoire für den Umgang mit den Jugendlichen zu erarbeiten“.

Themen und Anliegen der Berufseinsteiger

Das Spektrum der Themen, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die Peergruppentreffen einbringen, reicht von der ersten Vollvertretung in einer SOS-Kinderdorffamilie bis hin zum Umgang mit Wut, Aggression und Provokation von Kindern und Jugendlichen gegenüber ihren Betreuern. Dabei gilt es gerade für Berufseinsteigerinnen und -einsteiger, die eigene professionelle Rolle zu klären und Sicherheit zu zentralen Fragen zu erlangen: Wo liegen die Grenzen? Ab wann greife ich ein bzw. was muss ich auch aushalten?

Frühstück in einer SOS-Wohngruppe vergrößern

Häufig stehen die jungen Kolleginnen und Kollegen vor der Aufgabe, eine Balance zwischen Nähe und Distanz zu finden. Dazu gehört, dass sie den Kindern und Jugendlichen Grenzen setzen müssen und in dieser Rolle respektiert werden wollen, auch wenn sie als Fachkraft oft nur wenige Jahre älter sind als die Jugendlichen. „Sie fangen immer wieder an, zu diskutieren, zu verhandeln. Natürlich testen sie damit, wie weit sie gehen können und wissen auch, welchen Betreuer sie zu welchem Thema ansprechen, welcher eher 'Ja' sagt. Man muss ein gesundes Mittelmaß finden. Eine solche Balance gelingt nur über Beziehungsarbeit“, so erlebt Johanna Wiglinghoff ein typisches Lernfeld in der SOS-Mädchenwohngemeinschaft in Fürth.

Bedeutung der Supervision in Peergruppen

„Ich freue mich auf die Treffen“, erzählt Janina Huttner, „weil es immer um ein Bewusstmachen von Problemen geht, die in der täglichen Arbeit auftauchen können. Jedes Mal gewinne ich wieder mehr Sicherheit. Ich finde, unser Supervisor gibt immer ganz tolle Denkanstöße. Angenehm ist aber auch, dass er sich oft zurücknimmt und einen Rahmen vorgibt, in dem wir Einsteiger uns sehr viel untereinander austauschen können. Das finde ich wertvoll, weil es oft schöner ist, erst mal Meinungen von anderen in derselben Situation zu hören, bevor einem jemand mit Erfahrung eine Lösung vorschlägt.“

„Das ist eben das Besondere“, ergänzt Teilnehmer Mathias Bofinger: „Er gibt uns nicht das Gefühl, etwas Falsches zu sagen oder zu machen, sondern lässt alles gelten. Zum Schluss kommt meistens noch ein Input von seiner Seite, der uns manchmal wie eine kleine Erleuchtung vorkommt und man denkt: Ach, so hab ich das noch gar nicht gesehen.“ 

Supervision in der Peergruppe © SOS-Kinderdorf e.V. Supervisor Reinhold Graf und BEP-Teilnehmer Mathias Bofinger vergrößern

Vor dem Hintergrund seines Quereinstiegs bei SOS-Kinderdorf reflektiert der pädagogische Mitarbeiter seine persönliche Situation in dem Einführungsprogramm: „Dadurch, dass ich neu bin im betreuten Jugendwohnen, war ich in der Supervision am Anfang etwas unsicher, ob ich da gut reinfinde, ob ich auch etwas Konstruktives beitragen kann. Diese Sorge hat sich dann ganz schnell aufgelöst. Die Atmosphäre ist sehr offen, jeder Beitrag ist willkommen, und jeder bekommt Hilfe, wenn er das möchte. Und selbst, wenn man keinen eigenen Fall einbringt, kann man auch für sich persönlich immer etwas mitnehmen und auf die eigene Arbeit übertragen.“

Systemische Sichtweisen in der Peergruppe lernen

Den jungen Kolleginnen und Kollegen, die an dem Programm teilnehmen, hilft es meist sehr, wenn die Gruppe eine Problemstellung von allen Seiten anschaut. „Wenn es zum Beispiel um Grenzüberschreitungen geht, dann ist natürlich mein erster Reflex die Frage: Wie würde ich reagieren? Vielleicht sanktionieren und versuchen, Regeln durchzusetzen“, überlegt Mathias Bofinger. „Unser Supervisor beleuchtet dann auf eine sehr konstruktive Weise andere Seiten, indem er beispielsweise fragt: Was sind denn die Stärken des Jugendlichen? Wo möchte er denn hin, was treibt ihn an? Oder: Welche Rolle sucht er in der Gruppe? Davon profitiere ich immer.“

Seine Kollegin Janina Huttner fügt hinzu: „Ich nehme viel mit und versuche im Alltag öfter, den Blickwinkel zu öffnen und die Situation systemisch zu betrachten. Ich denke in der täglichen Arbeit oft an die Peergruppe und versuche dann für mich, den Fall so systematisch aufzuarbeiten, wie wir es hier in der Supervision machen.“

Denkanstöße und Handlungssicherheit für die pädagogische Arbeit

Peergruppentreffen vergrößern

„Ich finde es super, dass man nicht alleingelassen wird, dass es nicht heißt: ‚So, und jetzt schau mal, wie du an deinem Arbeitsplatz zurechtkommst‘. Ich finde die Unterstützung toll und die Sicherheit, die wir bekommen: Man kann sich Hilfe holen und es wird einem Zeit gegeben, auch mal etwas loszuwerden, das einen bedrückt“, resümiert Johanna Wiglinghoff. „Auch die Regelmäßigkeit der Peergruppentreffen finde ich gut. Und natürlich das Seminar, das noch bevorsteht. Ich freue mich auf die Gelegenheit, ein pädagogisches Thema zu vertiefen, das für meine Arbeit im stationären Bereich relevant ist.“

Die Frage der Zusammensetzung der Peergruppen wird von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern unterschiedlich beurteilt. Manche wünschen sich homogenere Gruppen, um die Inhalte der Supervision noch besser auf das eigene Arbeitsfeld übertragen zu können. Die meisten schätzen es aber gerade, Berufseinsteiger aus unterschiedlichen Angebotstypen wie SOS-Kinderdorffamilien und SOS-Wohngruppen kennenzulernen. Sie empfinden die unterschiedlichen Sichtweisen und Ansätze zur Problemlösung bereichernd.

Für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer steht die Arbeit an der professionellen Rolle im Vordergrund: „Mir ist ganz wichtig, meine Position zu finden und eine professionelle Identität als Pädagoge zu entwickeln“, sagt Mathias Bofinger: „Das kommt meiner Meinung nach erst mit der Zeit. Da muss man sich irgendwie reinfinden. Ich schaffe es ganz gut, Kontakt zu knüpfen mit den Jugendlichen, aber wo ich genau stehe, das muss ich noch für mich definieren. Ob ich zum Beispiel mehr Kumpel oder mehr Betreuer bin und wie ich die richtige Balance finde. Sich da hineinzufinden, ist auch einfach ein Prozess. Dabei hilft es mir, die unterschiedlichen Denkansätze aus dem Programm mitzunehmen in meinen Arbeitsalltag und in mein Team.“

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