Konzeptionelle Grundlagen des Einführungsprogramms

Handlungssicherheit durch pädagogisches Fachwissen, Handwerkszeug und Reflexion

Dr. Margit Auer
               

Standards zur Einarbeitung im SOS-Kinderdorf e.V.

Das Einführungsprogramm für Berufseinsteigerinnen und -einsteiger in den stationären Hilfen ist ein Bestandteil der Maßnahmen zur Einarbeitung von Fachkräften im SOS-Kinderdorf e.V. Regelmäßig entwickelt das Ressort Personal seine Standards zur Einarbeitung weiter – und damit die Rahmen-bedingungen für gute pädagogische Arbeit in allen Einrichtungen des Vereins.

Kurzkonzept zum Einführungsprogramm "Berufseinstieg als Pädagoge/-in (BEP)"

„Jugendliche mit komplexen Problemlagen in den stationären Jugendhilfen brauchen Personen, an denen sie sich orientieren und auch einmal reiben können – sie brauchen Persönlichkeiten. Diese Persönlichkeiten wiederum brauchen Handwerkszeug für ihr professionelles Handeln.“ Das Qualifizierungsprogramm für Berufseinsteiger des SOS-Kinderdorfvereins unterstützt die jungen Fachkräfte dabei, ein entsprechendes berufliches Standing zu entwickeln. Durch eine intensive Einstiegsbegleitung sollen sie Sicherheit in ihrer beruflichen Rolle in den stationären Hilfen zur Erziehung gewinnen und eine professionelle Identität entwickeln. Dr. Margit Auer, Referentin für Personalentwicklung im SOS-Kinderdorf e.V., hat das Einführungsprogramm mitentwickelt. Im Gespräch gibt die Pädagogin Einblick in das Konzept und die methodischen Bestandteile des Programms.

Das Einführungsprogramm möchte die neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu qualitativ hochwertiger pädagogischer Arbeit befähigen. Was heißt das konkret?

Der SOS-Kinderdorfverein möchte, dass die Fachkräfte das, was sie tun, gut tun können. Daher liegt ihm daran, Berufseinsteigerinnen und -einsteigern genügend Handwerkszeug und Knowhow zu vermitteln, damit sie mit den komplexen Problemlagen der Kinder und Jugendlichen gut umgehen können. Pädagogische Arbeit erfordert ein hohes Maß an Selbstreflexion über die Wirkung des eigenen beruflichen Handelns und die Wirkung der eigenen Person.

Welche Entwicklungen wünschen Sie sich aus konzeptioneller Sicht für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer?

Mitarbeit in einer SOS-Kinderdorffamilie vergrößern

Ein Ziel ist, dass die jungen Fachkräfte eine berufliche Identität, berufliches Selbstvertrauen und Handlungssicherheit gewinnen. Sie sollten Freude an der Arbeit mit jungen Menschen haben, egal wie kompliziert diese sind. Ich wünsche mir, dass sie eine sensible und respektvolle Grundhaltung entwickeln gegenüber dem Eigensinn dieser Mädchen und Jungen, der sich oft hinter einer gewissen unbequemen Kratzbürstigkeit verbirgt. Diese professionelle Haltung erlernt man nicht in der Ausbildung, man muss sie sich im Berufsleben aneignen.

Wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen guten Einstieg erleben und auch mit Herzblut dabei sind, dann können das gestandene Fachfrauen und -männer werden: Persönlichkeiten, die wir in der Sozialen Arbeit dringend brauchen.

Wie ist das Programm aufgebaut?

Drei Elemente erscheinen uns als wesentlich, um die neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gut beim Start zu unterstützen: Durch eine sorgsame Begleitung in der Einrichtung und Gespräche mit der direkten Führungskraft werden die Berufseinsteigerinnen und -einsteiger in das stationäre Setting und seine spezifischen Anforderungen eingeführt. Basisseminare zu ausgewählten Fachthemen vermitteln ihnen pädagogische Handlungskonzepte, die auf den konkreten Bedarf dieses Arbeitsfeldes abgestimmt sind. vergrößern Als drittes fortlaufendes Element über die gesamten zwölf Monate hinweg bietet die Supervision in regionalen Peergruppen einen geschützten Raum für die Reflexion des eigenen professionellen Handelns. Die jungen Kolleginnen und Kollegen erhalten damit ein moderiertes Austauschforum außerhalb der eigenen Einrichtung, in dem sie ihre Situation als Neueinsteigerinnen und Neueinsteiger in den stationären Hilfen zur Erziehung reflektieren können.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer können im Laufe des Programms eines von vier pädagogischen Basisseminaren belegen. Welche Themen stehen ihnen zur Auswahl und wie ist Ihr Team bei der Themenfindung vorgegangen?

Während der Konzeption des Programms haben wir in Telefoninterviews den konkreten Bedarf möglichst vieler SOS-Einrichtungen mit stationären Angeboten ermittelt. Dabei haben sich vier Themenbereiche herauskristallisiert, in denen sich die neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Vertiefung ihres Fachwissens wünschen: Bindungstheorie, Systemische Arbeit, Traumapädagogik und Partizipation im pädagogischen Alltag.

Inwiefern sind die ausgewählten pädagogischen Fachthemen wesentlich für die Arbeit in der stationären Kinder- und Jugendhilfe?

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Die Themen Bindung und Beziehung sind uns sehr wichtig, gerade mit Blick auf die schwierigen Biografien der Kinder und Jugendlichen. Kern der Bindungstheorie ist ja, dass die Erfahrungen, die ein Kind im ersten Lebensjahr macht, eine ganz wesentliche Bedeutung für sein gesamtes Leben haben. Neben der klassischen Bindungstheorie beziehen wir auch andere Konzepte wie Resilienz, Salutogenese oder den Capability Approach mit ein. Diese ressourcenorientierten Theorien gehen davon aus, dass negative Erfahrungen und Muster, die wir in der frühen Kindheit erworben haben, durch stärkende Erfahrungen in Beziehungen und das Erleben von Selbstwirksamkeit wieder teilweise revidiert werden können. Dieses Knowhow ist für die pädagogischen Fachkräfte ganz wesentlich im Umgang mit den Kindern und Jugendlichen.

Grundlagen der Traumapädagogik sind besonders relevant, da wir in der stationären Kinder- und Jugendhilfe sehr oft mit traumatisierten Mädchen und Jungen zu tun haben. Das Spektrum traumatischer Erfahrungen reicht vom Erleben vieler Beziehungsabbrüche und Trennungen bis zu körperlicher oder seelischer Gewalt und sexuellem Missbrauch. Die Kinder und Jugendlichen, die zu SOS-Kinderdorf kommen, haben oft schon eine lange Jugendhilfekarriere hinter sich, bringen z.B. Erfahrungen aus Pflegefamilien oder anderen Jugendhilfeeinrichtungen mit. Die Übergänge von einem zum nächsten System, das Herausgerissenwerden und wieder Abschied nehmen müssen hinterlässt natürlich Spuren. Oft kennen wir nur die Spitze des Eisbergs, während unter der Oberfläche noch viele Traumata stecken, die uns nicht bekannt sind. Das erfordert eine große Sensibilität für entsprechende Signale und für den Umgang mit Traumatisierungen.

Welche Bedeutung haben die Seminarthemen Partizipation und systemisches Arbeiten und für die Berufseinsteiger?

Mitsprache vergrößern

Das Thema Partizipation ist in den stationären Hilfen besonders wichtig, weil Kinder und Jugendliche, die in stationäre Angebote kommen, sehr viele Erfahrungen von Fremdbestimmtheit gemacht haben und nur bedingt Erfahrungen von Selbstwirksamkeit. Wenn sie ihr eigenes Leben in die Hand nehmen wollen, müssen sie lernen, zu spüren und zu formulieren: Das möchte ich, das möchte ich nicht, das möchte ich anders und hier muss ich darüber nachdenken, was ich genau möchte. Partizipation ist das A und O – das Lernfeld, in dem sie solche Dinge einüben können.

Beim systemischen Arbeiten kommt es darauf an, das Individuum nicht isoliert anzuschauen und zu analysieren, welche Schwierigkeit diese einzelne Person hat. Sondern es geht darum, das Individuum eingebettet zu sehen in ein System von Zusammenhängen, von Untersystemen, von Zwischensystemen. Dann kann ich in diesem System die Hilferessourcen ausfindig machen, die diesen Menschen unterstützen können, wieder auf den Weg zu kommen.

Wie gelingt es Ihnen, komplexe Themen wie systemisches Arbeiten in einem dreitägigen Seminar zu vermitteln?

Systemisches Arbeiten lässt sich nicht innerhalb von drei Tagen umfassend vermitteln. Wir können nur die Tür zu diesem Thema öffnen und ein Grundverständnis schaffen. Indem wir ihnen ein Basiswissen vermitteln, möchten wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer motivieren, sich über das Programm hinaus in diesem Bereich weiterzubilden.

Worauf kommt es bei der Aufbereitung der Themen für diese spezielle Zielgruppe an im Vergleich zu anderen Adressaten der Personalentwicklung?

Peergruppe vergrößern

Die Seminare innerhalb des Programms „Berufseinstieg als Pädagogin/e bei SOS-Kinderdorf (BEP)“ haben einen größeren Anteil an Selbsterfahrungselementen, sie sind sehr niedrigschwellig und setzen an den Basics an, da wir nur sehr begrenzt Theorie- oder Praxiserfahrung voraussetzen können. Wir achten darauf, dass die fachlichen Inhalte einen starken Bezug haben zu den Praxiserfahrungen, die die neuen Mitarbeiter bei ihrem Berufseinstieg machen. Es kommt darauf an, dieses Fachwissen mit einem emotionalen Zugang zu verknüpfen.

Wenn ich beispielsweise das Thema Partizipation für BEP-Teilnehmer aufbereite, dann setze ich an den klassischen Stufen von Beteiligung an: Information, Mitsprache, Mitbestimmung, Mitverantwortung. Ich erarbeite mit der Gruppe die Grundlagen zum Fachthema Beteiligung und setze dabei keine spezifischen Kenntnisse voraus. Bei der Aufbereitung dieser Inhalte für berufserfahrene Fachkräfte hingegen gehe ich von einem vorhandenen Basiswissen aus und beziehe die aktuelle fachpolitische Diskussion des Themas Partizipation mit ein.

Neben der Wissensvermittlung steht die Arbeit an einer professionellen Identität und Haltung im Zentrum des Programms. Wie gelingt das in den theoretischen Bausteinen?

Eine professionelle Grundhaltung vermittelt man nicht in der Theorie, sondern durch viele Gelegenheiten zur Selbstreflexion, zur offenen Diskussion im Team, durch kollegiale Beratung und in Form von Fallberatungen, in denen das eigene Handeln immer wieder angeschaut wird. Auch in Diskussionen und in fachlichen Auseinandersetzungen arbeitet man daran. Aus meiner Sicht kommt es darauf an, dass wir die Zuversicht der Berufseinsteigerinnen und -einsteiger wecken, ihre Arbeit gut bewältigen zu können, und ihnen das Handwerkszeug dafür geben. Zugleich sollten wir sie entlasten, indem wir ihnen vermitteln: Sie sind nicht allein verantwortlich für Erfolge oder Misserfolge in der pädagogischen Arbeit.

               

Standards zur Einarbeitung im SOS-Kinderdorf e.V.

Das Einführungsprogramm für Berufseinsteigerinnen und -einsteiger in den stationären Hilfen ist ein Bestandteil der Maßnahmen zur Einarbeitung von Fachkräften im SOS-Kinderdorf e.V. Regelmäßig entwickelt das Ressort Personal seine Standards zur Einarbeitung weiter – und damit die Rahmen-bedingungen für gute pädagogische Arbeit in allen Einrichtungen des Vereins.

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