Über Geschwister allgemein und unter belasteten Bedingungen

Eine Gesellschaft der Einzelkinder? Geschwister heute

Die Familien werden kleiner – doch nach wie vor wachsen die meisten Kinder mit Geschwistern auf. Nur rund jedes vierte Kind in Deutschland ist ein Einzelkind, alle anderen haben zumindest eine Schwester oder einen Bruder. Mit drei und mehr Geschwistern wird immerhin noch etwa jedes zwölfte Kind groß (Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2010).

Laien und Experten sind sich darüber einig, dass es für das Leben eines Menschen bedeutsam ist, ob er Geschwister hat oder nicht. Aber warum ist das so? Was verbindet, was trennt Schwestern und Brüder? Wie wichtig ist die Beziehung zwischen Geschwistern für die Persönlichkeitsentwicklung? Lange Zeit hat sich die Fachwelt darüber wenig Gedanken gemacht. Erst seit Mitte der 1980er Jahre beschäftigt sich die Forschung systematisch mit der Frage, was es heißt, Geschwister zu haben.

Empfindsame Nesthäkchen – erfolgreiche Erstgeborene?

Im Mittelpunkt standen früher häufig die Geburtenfolge und ihr Einfluss auf die Geschwisterbeziehung. Ist diese immer von Rivalität geprägt, wie schon in der Geschichte von Kain und Abel? Beeinflusst die Geschwisterhierarchie den gesamten weiteren Lebensweg? Es macht einen Unterschied, das bestätigt die Forschung, wer in einer Familie die Älteste oder der Jüngste ist. Damit ist verbunden: Wer bekommt eher früh Verantwortung übertragen oder hat die Position des Nesthäkchens inne? Erlebt ein Kind unerfahrene Eltern oder – als Zweitgeborenes – Eltern, die manches bereits lockerer sehen?

Als allein entscheidend gilt die Position in der Reihenfolge der Kinder heute nicht mehr. Die Faktoren, die eine Geschwisterbeziehung beeinflussen, sind vielschichtig, das Beziehungsgeflecht einer Familie ist komplex: Nicht nur das Rollenverständnis zwischen den Geschlechtern ist flexibler geworden, auch der Erziehungsstil erscheint eher partnerschaftlich als autoritär. Zudem ist die Zukunft weniger berechenbar als früher und Lebensplanungen sind stärker individualisiert.

Trainingspartner für den Gefühlshaushalt

Der Einfluss von Geschwisterschaft auf die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen gilt dennoch als groß. Denn Geschwister lassen uns im Zusammen­leben nie kalt. Ob Liebe und fester Zusammenhalt, ob Wut, Rivalität und Eifersucht – immer sind Gefühle im Spiel. Und solange sie unter einem Dach leben, sind Geschwisterkinder gezwungen, sich täglich damit auseinanderzusetzen. Was wörtlich zu nehmen ist, denn bis ins Grundschulalter hinein ist handfester Streit oftmals an der Tagesordnung. Das damit verbundene Gefühlschaos wird als eine Art emotionales und soziales Trainingsfeld fürs Leben interpretiert: Geschwister, so sagen Forscher/-innen, erziehen sich auf weitreichende Weise gegenseitig. Schaffen sie es zum Beispiel, gemeinsam Konflikte zu bewältigen, profitieren sie davon lebenslang. Leichter scheinen es dabei gemischtgeschlechtliche Geschwister zu haben, zwischen Schwestern und Brüdern ist die Beziehung meistens entspannter.

Eng verwandt – und doch oft völlig verschieden

Tatsächlich haben Geschwisterkinder jeweils nur die Hälfte ihrer Gene gemeinsam. Daher können sie sich auch sehr unterschiedlich entwickeln und von der Persönlichkeit her stark unterscheiden. Studien scheinen zu bestätigen, dass dieser genetische Mechanismus die Rivalität zwischen Geschwistern reduzieren hilft. Er sorgt wohl auch dafür, dass sie leichter die Balance zwischen Nähe und Individualität finden. Nicht zuletzt erleichtert er es Eltern, ihren Kindern gerecht zu werden. Indem sie deren Besonderheiten sehen und Unterschiede nicht gegeneinander ausspielen, ermöglichen sie jedem Geschwisterkind, eine Nische zu besetzen und seine Talente zu entfalten.

Übrigens hat die Forschung auch gezeigt, dass Geschwisterbeziehungen einem typischen Verlauf folgen. In der Kindheit sind sich Geschwister meist sehr nahe, ab der Pubertät ändert sich das. In der mittleren Lebensphase überlagern dann Partnerschaften, Beruf und gegebenenfalls die eigene Familie alles andere. In dieser Zeit verlieren die Geschwister oft an Bedeutung, der Kontakt ist eher locker. Im Alter jedoch finden Geschwister häufig wieder enger zueinander und intensivieren ihre Beziehung.

Patchworkgeschwister: keine Erfindung unserer Tage

Und was ist mit den „sozialen Geschwistern“ oder den Stief- und Halbgeschwistern in den modernen Patchworkfamilien? Über ihre Geschwisterbeziehungen gibt es noch kaum systematisches Wissen. Sicher ist allerdings: Neu ist diese Form der Geschwisterlichkeit nicht. Elternpaare haben sich früher nicht so leicht getrennt. Doch war zum Beispiel der frühe Tod der Mutter über Jahrhunderte hinweg ein Schicksal, das viele Kinder traf. Häufig heiratete der Vater bald wieder, allein schon um die Kinder versorgt zu wissen. Und damit kamen – siehe Aschenputtel – meistens auch Halb- oder Stiefgeschwister ins Haus.

Geschwisterbeziehungen in belasteten Familienkonstellationen

Merkmale, die für Geschwisterbeziehungen allgemein gelten, scheinen unter instabilen und kritischen Bedingungen eine Zuspitzung zu erfahren. Das legen zumindest Forschungen zu Geschwisterbeziehungen in Familien mit erhöhter Belastung aus den USA und Großbritannien nahe. Angesichts von Dauerstress mit den Eltern können sich die Bande zwischen Schwestern und Brüdern intensivieren – und zugleich schädigende Züge bekommen.* Negative Dynamiken entstehen oft auch dann, wenn die Geschwister fürsorgliche Rollen füreinander einnehmen. Und auch die zeitliche Dimension wirkt: Manchmal rücken Geschwister in einer belasteten Situation zunächst enger zusammen, setzen sich dann aber im Laufe der Zeit destruktiv auseinander. Konfliktbelastung allein scheint allerdings kein verlässliches Kriterium für die Qualität einer Beziehung zu sein. Konflikte werden scheinbar erst dann wirklich problematisch, wenn die Geschwister einander feindselig gesinnt sind. Eine Beziehung mit zugewandter Grundstruktur bietet wohl einigen Rückhalt, um darin auch Konflikte zu bewältigen.

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*Sabine Walper, Carolin Thönnissen, Eva-Verena Wendt und Bettina Bergau (2009). Geschwisterbeziehungen in riskanten Familienkonstellationen. Ergebnisse aus entwicklungs- und familienpsychologischen Studien. Herausgegeben vom Sozialpädagogischen Institut des SOS-Kinderdorf e.V., Materialien 7. München 2009: Eigenverlag.

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