Katrin Kulicke aus der Pfalz absolviert gerade die Ausbildung zur SOS-Kinderdorfmutter

Nach zwei Tagen wusste ich: Das ist es

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Eigentlich war die gelernte Bürokauffrau Katrin Kulicke mit ihrer Arbeitstelle in einem Ludwigshafener Ingenieurbüro sehr zufrieden. Allerdings fehlte ihr immer stärker die soziale und psychologische Komponente in ihrer täglichen Arbeit. Dass ihr die Arbeit mit Kindern liegt, hatte sie bereits durch ihre stundenweise in Schulen angebotenen, tiergestützten Therapiestunden erfahren. Ihr Partner auf vier Pfoten dabei: Golden Retriever-Hündin Paula. 

Also begann sie zu recherchieren, welche Berufsfelder für sie in Frage kämen. Da sie vor allem an einer langfristigen Beziehung zu den Kindern und Jugendlichen interessiert war, sprach sie die Beschreibung einer SOS-Kinderdorfmutter-Stelle sofort an. „Das war genau meins“, erinnert sie sich. Sie machte ihre Bewerbungsunterlagen fertig und schickte sie an die Geschäftsstelle von SOS-Kinderdorf in München. 

Ein Jahr Praktikum als Einstieg

Nachdem mit dem Vorstellungsgespräch in München bzw. Kinderdorf Eisenberg/Pfalz alles geklappt hatte, begann Katrin Kulicke ihr Praktikumsjahr im SOS-Kinderdorf Pfalz, das ihrem Wohnort Ludwigshafen am nächsten liegt. „Die Entscheidung für das Praktikum bringt einem schon noch einmal zum Überlegen, ob man es wirklich wagen soll, schließlich dauert es ein Jahr, nach dem man nicht so ohne weiteres in seinen alten Beruf zurückkehren könnte. Außerdem bedeutet es finanziell einen Rückschritt, wenn man zuvor fest im Berufsleben stand.“

Katrin Kulicke bereute ihre Entscheidung nicht, denn nach zwei Tagen in einer Kinderdorffamilie, wusste sie „das ist es“. Nachdem sie in zwei Kinderdorffamilien hospitiert hatte, kam sie fest in eine Familie. Schnell verging dieses Praktikumsjahr, nach dessen Ablauf die Eignung jeder angehenden SOS-Kinderdorfmutter gründlich abgeklopft wird. „Dazu dienen Gespräche, die ich mit der Kinderdorfmutter, dem Dorfleiter, meiner Familie, der Verwaltung in München und einem Psychologen führen musste. Danach war es sowohl mir als auch der SOS-Kinderdorfseite klar, dass ich die Ausbildung machen werde.“ 

Die Ausbildung: eine fundierte Basis

Während die SOS-Kinderdorfmütter früher noch intern von SOS-Kinderdorf geschult wurden, machen sie heute eine berufsbegleitende Teilzeitausbildung zur stattlich anerkannten Jugend- und Heimerzieherin. Katrin Kulicke sieht die Notwendigkeit dieser fundierten Ausbildung: „Die Anforderungen an eine SOS-Kinderdorfmutter sind heute anders als früher. Es gibt viel mehr bürokratische Aufgaben und Vorschriften, die es zu erledigen und zu beachten gibt. Die meisten Kinder, die zu uns kommen, haben noch eigene Eltern, bringen aber oft mehr oder weniger starke psychische Störungen mit. Um dem allen gerecht zu werden, ist es wichtig, dass man auf einer soliden Berufsausbildung aufbauen kann.“ 

Wieder die Schulbank drücken

Teilzeitausbildung bedeutet, dass die angehenden SOS-Kinderdorfmütter und –väter drei Jahre lang Vollzeit in einer Kinderdorffamilie mitarbeiten. Zusätzlich dazu gibt es fünfmal im Jahr zweiwöchige Schulblöcke in Tübingen an der „Sophienpflege“, Fachschule für Sozialwesen – Fachrichtung Sozialpädagogik, Schwerpunkt Jugend- und Heimerziehung, spezielle SOS-Bausteine und Ausbildungsgruppen (Persönlichkeitsbildung) die zweimal im Jahr jeweils eine Woche in Augsburg stattfinden. Die Klasse in Tübingen besuchen etwa 25 angehende Jugend- und Heimerzieher, davon kommen fast die Hälfte aus SOS-Kinderdorfeinrichtungen. „Uns erkennt man daran, dass wir alle älter sind, als die übrigen Schüler, weil wir alle Quereinsteiger sind“, erzählt Katrin Kulicke. „Während der Schulungswochen sind die meisten SOS Schüler im „Viktor Renner Haus“ in Tübingen, untergebracht, wo es wie in einer Studenten-WG zugeht mit Gemeinschaftsküche und gemeinsamen Kühlschrank. "Für viele von uns eine ungewohnte Einschränkung der persönlichen Ansprüche. Andererseits bringt einem der Erfahrungsaustausch mit den Teilnehmern aus anderen SOS-Kinderdörfern unheimlich viel.“

Ungewohnt ist es auch, sich wieder auf das Lernen einzulassen. „Wir bekommen Hausaufgaben auf, schreiben regelmäßig Prüfungen und die Anforderungen sind nicht ohne“, erzählt Kathrin Kulicke. „mir kommt es zugute, dass ich sehr gut organisiert bin und strukturiert arbeiten kann. Ich stehe jeden morgen um 5 Uhr 30 auf, damit ich vor der Arbeit in der SOS-Kinderdorffamilie noch eine gute Stunde Stoff wiederholen und lernen kann“ Bisher hat sie alle Prüfungen mit Bravour gemeistert: „Das motiviert, weiterzumachen.“

Ein neues Lebensmodell planen

Bereits vor ihrer Bewerbung zur Ausbildung als SOS-Kinderdorfmutter hat Katrin Kulicke mit ihrem Mann Rainer überlegt, wie sie Familie und Beruf zukünftig vereinbaren können. „Mein Mann hat selbst einen Beruf, der ihn mit Leidenschaft erfüllt, deshalb hat er mich von Anfang unterstützt, weil er meine soziale Ader kennt und merkte, wie wichtig mir die berufliche Neuorientierung war.“
Zurzeit lebt Katrin Kulicke während ihrer SOS-Kinderdorftage in einer betriebseigenen Wohnung auf dem Gelände und nur während ihrer freie Tage mit Ehemann Rainer im gemeinsamen Haus im 40 Kilometer entfernten Ludwigshafen. Wenn sie ihre Ausbildung beendet hat und eine eigene SOS-Kinderdorffamilie übernimmt, planen die beiden, ihren privaten Lebensmittelpunkt in die Nähe des SOS-Kinderdorfs zu verlegen, damit die Wege zueinander kürzer sind.

Die Zukunftsperspektive motiviert

Eine eigene SOS-Kinderdorffamilie zu übernehmen ist das Ziel, das Katrin Kulicke auf ihrem Ausbildungsweg immer wieder neu motiviert. „Ich will den Kindern eine feste Bezugsperson sein, die verlässliche Basis, von der aus sie später in ihr eigenes Leben starten können. Es ist ein Beruf, in dem man viel gibt, in dem aber auch unheimlich viel zurückkommt.“

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