Bericht aus der Praxis einer Schulsozialpädagogin der SOS-Kinder- und Jugendhilfen Düsseldorf

Mehr als tausend Worte

 

Die Schulsozialpädagogin Claudia Weyers-Pfeiffer berichtet davon, wie die Musik Wege zu den ihr anvertrauten Kindern öffnet – und einen Dialog auf Augenhöhe ermöglicht.

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Als ich im Januar 2009 meine Stelle in einer Düsseldorfer Grundschule antrat, freute ich mich sehr auf den neuen Aufgabenbereich. Mit meiner systemischen Ausbildung fühlte ich mich gut gerüstet, um im System „Schule“ mit den dort tätigen Lehrerinnen, den Kindern und deren Familien zu arbeiten. Es machte mir viel Freude, den Menschen dort zu begegnen, ihre Lebensumstände kennen zu lernen und zu verstehen. Dieses Verständnis und der Aufbau von vertrauensvollen Beziehungen waren wichtig, um ressourcenorientiert arbeiten zu können und die „Klientenkompetenz“ zu würdigen – die Tatsache nämlich, dass letzten Endes nur die Betroffenen selbst die Kompetenz haben, über ihre Gedanken, Gefühle, Geschichte, Träume und Ängste zu befinden.

Gerade in der Arbeit mit den Kindern fand ich mich und das Kind jedoch immer häufiger in den Rollen wieder, die den Kindern aus der Schule nur allzu bekannt sind: Sie kamen mit Problemen und als Erwachsene war ich dafür da, zuzuhören und Lösungsvorschläge mit ihnen zu entwickeln. Es gab Kinder, denen reichte es völlig aus, sich einmal von einem Erwachsenen gehört und verstanden zu fühlen. Es flossen schon mal Tränen der Erleichterung und auch der Trauer. Dann gab es aber auch so unendlich viele Kinder, die keine Worte fanden für das, was in ihnen war. Die Arbeit mit diesen Kindern erlebte ich zunächst als anstrengend und stockend, ohne genau erkennen zu können, woran dies lag.

Gesucht: Ein Weg, der direkter zu den Kindern führt

Es waren aber immer die gleichen Anzeichen erkennbar: Ich redete viel mehr als die Kinder. Ich gab mir Mühe, Lösungen für die Kinder zu finden und versuchte, sie dann von diesen Lösungen zu überzeugen. Wo war die Achtung vor der Klientenkompetenz geblieben? Sind Kinder weniger kompetent für ihr Leben, als Erwachsene? Spüren sie nicht, welche Kraft und welche Sehnsucht in ihnen stecken? Müssen sie das Leben und die Lösungen leben, die wir für sie entdecken? Es erschien mir falsch, so mit den Kindern zu arbeiten. Ich war auf der Suche, nach einem Weg, der mich direkter zu ihnen führte, einen Weg, auf dem wir uns wirklich begegnen konnten.

Worte waren hierfür nicht geeignet, da ich sprachlich einfach überlegen war. Doch in ihnen waren so viele Erfahrungen, so viele Wünsche, Enttäuschungen, so viel Humor, so viel Hoffnung, so viele Gefühle. Je mehr ich redete, desto mehr hatte ich das Gefühl, all dies, was in den Kindern ruhte, zuzuschütten.

Ich brauchte einen kreativeren Weg, einen, auf dem die Kinder mir in ihren Ausdrucksmöglichkeiten gewachsen waren und den wir gemeinsam gehen konnten.

Musiktherapie als neuer Ansatz

Wie so viele Menschen, so trifft auch mich Musik immer unmittelbar. Sie beeinflusst meine Stimmungen, löst Gefühle aus und zaubert Erinnerungen aus dem Nichts hervor. So wurde ich aufmerksam auf ein Weiterbildungsangebot:

„Wenn Worte allein nicht reichen“ – Musiktherapie. Motiviert durch die Unterstützung von SOS begann ich diese Weiterbildung. Seither finde ich im Schulalltag unzählige Möglichkeiten, die Erfahrungen, die ich in der Weiterbildung sammeln kann, einzubringen.

Einige Beispiele:

Der zehnjährige Marc (Name geändert) hat vor einiger Zeit etwas Schreckliches erlebt. Er ist seitdem verschlossen und kommt auch nicht mehr – wie vorher so oft – zu mir, um zu erzählen. Ich nehme ihn in eine Arbeitsgemeinschaft, um die Beziehung zu ihm fortsetzen zu können. Marc wählt oft einen Platz in meiner Nähe und eines Tages bittet er um ein Gespräch.

Er kommt und wird aufmerksam auf einige Musikinstrumente. Er möchte sie ausprobieren und bleibt schließlich am Balafon hängen. Marc verbringt viel Zeit damit, unterschiedliche Klänge auf dem Instrument zu erzeugen, benutzt verschiedene Schlägel und spielt mal lauter, mal leiser. Schließlich legt er die Schlägel weg und streicht sanft mit den Fingern über das Instrument. Es entsteht ein Klang, der unglaublich sanft und zart ist. Sofort taucht in mir der Begriff „Balsam für die Seele“ auf. Plötzlich hört Marc auf, guckt mich an und sagt: „Jetzt geht es mir gut. Können wir ein Spiel spielen?“ Wir spielen zusammen und reden wenig.

In der nächsten Woche kommt er wieder und ich frage ihn, was er machen möchte. Sein Blick fällt direkt aufs Balafon. Er spielt wieder die leisen, sanften Töne. Als er aufhört, frage ich ihn, wie es ihm geht. „Gut“, sagt er. „Welche Bilder hast du in dir, wenn du diese Musik machst?“ Marc guckt mich erstaunt an, so als ob ich dies doch wissen müsse. „Feen und Schmetterlinge“, sagt er mit der größten Selbstverständlichkeit und fügt hinzu: „Die sind hier um mich rum und schützen mich.“ – „Waren die denn immer schon da?“ – „Nein. Die sind seit der letzten Woche da. Die sind gekommen, als ich hier bei Ihnen gespielt habe, und seitdem sind die da und passen auf mich auf.“

Ein weiteres Beispiel:

Mohamed und Ilias (Namen geändert) sind mir beide schon lange bekannt. Heute treffe ich sie weinend und schreiend im Sekretariat. Mohamed hat eine Schürfwunde unter dem Auge und ist total sauer. Ilias schreit und weint verzweifelt. Ich nehme sie mit in mein Büro. Nacheinander berichten sie, was geschehen ist. Es fällt ihnen schwer, immer wieder weinen und schreien sie. Es gab einen Streit, Beleidigungen und schließlich Fußtritte.

Sie sind nicht zu beruhigen. Auf die Frage, was denn helfen würde, erhalte ich die Antwort: „Wenn ich ihn umbringen könnte.“

Musik sagt manchmal mehr als alle Worte

Ich lasse beide Kinder ein Instrument auswählen und bitte sie, mir auf dem Instrument vorzuspielen, wie es ihnen vor dem Streit ging. Die Kinder spielen tatsächlich fröhliche Töne und an ihren Gesichtern kann ich erkennen, dass sie sich erstmalig etwas entspannen, sich auch wieder an ihr Empfinden vor dem Streit erinnern können.

„Jetzt beginnt der Streit“, sage ich und bitte die beiden, mir vorzuspielen, wie es ihnen am Anfang des Streites ging. Sie steigern ihr Spieltempo und auch die Lautstärke. Aggressivität und Energie werden spürbar. „Das hört sich schlimm an“, sage ich. – „Ja“, sagt Mohamed, „ich bekomme auch Kopfschmerzen davon.“ – „Das tut dir nicht gut?“ – „Nein, das tut mir gar nicht gut. Das ist schlimm für mich.“ – „Was würde dir denn gut tun?“

Sein Blick fällt auf die kleine Harfe. „Das Instrument, was auch die Engel spielen“, sagt er. – „Willst du das mal ausprobieren?“ Mohamed nimmt die kleine Harfe und spielt. „Kann das auch Ilias für dich machen?“, frage ich ihn. Mohamed nickt und reicht Ilias die Harfe. Ilias spielt lauter als Mohamed zuvor. Ich frage, ob es so gut sei. Mohamed bittet Ilias etwas leiser zu spielen. Ilias macht dies sofort. Beide schauen sich sehr aufmerksam an und sind offensichtlich bemüht, einander nun gut zu tun.

Worte hätten sie dahin nicht bringen können, aber am Ende ist es für beide leicht, sich die Hand zu geben. Sie haben erfahren dürfen, was sie Gutes aneinander haben können – und auch, was sie sich gegenseitig antun können. Zwei Tage später findet ein Gespräch mit den beiden statt. „Streit? Hatten wir nicht mehr. Eigentlich sind wir jetzt Freunde.“ 

Claudia Weyers-Pfeiffer, Schulsozialpädagogin, SOS-Kinder- und Jugendhilfen Düsseldorf

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