Ein Sozialpädagoge berichtet aus der ambulanten Familienhilfe

„Möglichst klare Vorgaben machen“

Das Zimmer aufräumen, mehr Taschengeld, länger im Internet surfen – in vielen Familien streiten sich Kinder und Eltern über dieselben Themen. Frank Untiedt, der beim SOS-Hilfeverbund Hamburg im „Coaching für Eltern“ und in der ambulanten Familienhilfe arbeitet, erlebt viele solcher Auseinandersetzungen hautnah. Im Interview erklärt der Diplom-Sozialpädagoge, wie Familien lernen, richtig mit Streit und Konflikten umzugehen.

Herr Untiedt, wie können Eltern Konflikten innerhalb der Familie vorbeugen?

Frank Untiedt: Zu uns kommen immer wieder Eltern, die sagen: „Wir kommen nicht weiter.“ Wir raten ihnen dann vor allem, klare Vorgaben zu machen. Je genauer Kinder wissen wo die Grenzen liegen, umso leichter fällt es ihnen, sich daran zu halten. Allerdings müssen Eltern dann auch konsequent sein und sich an ihre eigenen Vorgaben halten. Es hilft nicht, wenn ich mich heute so verhalte und morgen so. Das Verhalten der Eltern muss für die Kinder berechenbar und transparent sein. 

Wie unterstützen Sie Eltern dabei?

F.U.: Beim Coaching trainieren wir mit den Eltern das richtige Verhalten, meist in Rollenspielen. Da schlüpfen die Eltern auch mal in die Rolle des Kindes und bekommen ein Gefühl dafür, wann sich das Kind ungerecht behandelt fühlt. Allerdings verbessern wir Eltern nicht in Gegenwart ihrer Kinder. Denn Eltern müssen eine Autorität für ihre Kinder sein. Kinder müssen spüren, dass die Eltern da sind und sich um sie sorgen. 

Wie verhalten sich Eltern am besten, wenn es doch mal zu Streit mit den Kindern kommt?

F.U.: Ich würde da ein Sprichwort etwas abwandeln und sagen: Schmiede das Eisen, wenn es kalt ist. In Rage kann keiner einen Streit lösen. Da ist es besser, die Notbremse zu ziehen und zu sagen, „Stopp, lass uns in zwei Stunden oder am nächsten Tag noch mal darüber reden, wenn wir uns wieder etwas beruhigt haben“. Man sollte auch nicht endlos diskutieren, denn Diskussionen sind manchmal nervenaufreibend und verlaufen im Nichts. Wichtig ist auch, zwischen Verhalten und Person zu trennen. Dein Verhalten war nicht angemessen, aber ich habe trotzdem Verständnis für dich als Person.

vergrößern Unter Geschwistern gibt es wohl in allen Familien mal Streitigkeiten. Wann sollten Eltern dazwischen gehen?

F.U.: Eltern müssen auf jeden Fall eingreifen, wenn es zu Gewalt kommt. Ansonsten sollten sich Mütter und Väter eher als neutrale Vermittler verstehen und sich nicht auf eine Seite stellen. Natürlich ist es nicht immer einfach, sich ganz raus zu halten. Aber das kann man üben. 

Nun sind Eltern in der Erziehung nicht immer einer Meinung. Was empfehlen Sie in dieser Situation?

F.U.: Um möglichst eindeutige Vorgaben zu machen, gilt es, gegenüber den Kindern zu kooperieren und sich auf einen Konsens zu verständigen. Also nicht vor den Kindern zu diskutieren, sondern das besser unter sich zu klären, um die eigene Autorität aufrecht zu erhalten. Können sich die Elternteile gar nicht einigen, rate ich meist, dass derjenige, der sich gegen etwas ausspricht, die Entscheidung an den anderen abgibt. Nach dem Motto: Ich bin dagegen und habe dir meine Bedenken erklärt, nun musst du entscheiden, ob du trotzdem ja sagen willst. 

Ist Streit denn grundsätzlich schlecht für Familien?

F.U.: Nein, überhaupt nicht. Streit tut durchaus auch gut. Aber nur, wenn es eine gesunde Streitkultur innerhalb der Familie gibt und man auf respektvolle Weise miteinander umgeht.

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