Mutter als Beruf

Birgit Kramm arbeitet im SOS-Kinderdorf Berlin-Moabit

© Massimo Rodari

Neugierig öffnet Nina* die Tür, zieht die Besucherin in die geräumige Acht-Zimmer-Wohnung. "Willst du mal mein Zimmer sehen? Und meine Geige? Und meine Schwester, die kennst du ja auch noch nicht...." Ohne anzuklopfen stürmt die Achtjährige ins Zimmer der zwölfjährigen Helen, die unter "Hannah Montana"-Postern auf ihrem Bett lümmelt und Peter Fox hört. "Typisch Nina, sie ist ein kleiner Quirl", sagt Birgit Kramm lachend und ergänzt: "Sie sind nicht alle so lebhaft. Aber aufregend, das ist es hier immer!"
Birgit Kramm hat sechs Kinder, besser: Die 43-Jährige betreut sie. Seit sieben Jahren arbeitet sie im SOS-Kinderdorf Moabit als Mutter. Ihre Kinder - das sind Helen (12), Jenny und Robert (beide 10), Nina und Lina (beide 8) und Nesthäkchen Max, drei Jahre alt.

Klaren Kopf bewahren

Zum Muttertag bekommt Birgit Kramm jedes Jahr im Mai die Basteleien geschenkt, die die Kinder in Kita und Schule angefertigt haben. "Birgit" und in Klammern "Mama" stehe dann, in krakeliger Schrift und mit Herzchen verziert, auf den Präsenten, erzählt die Frau mit den blonden Locken. Oder auch "Mama" und in Klammern "Birgit".

Sie sagt es gelassen, mit einem Strahlen in den Augen. Aber nicht gerührt. Rührung ist ein Gefühl, das nicht zu der pragmatischen gelernten Erzieherin passt. Zu ihrem Job als SOS-Kinderdorf-Mutter gehört es, einen klaren Kopf zu bewahren und auch ein Stückchen Abstand. Einen klaren Kopf, weil "die Kinder hier auffälliger sind", wie Birgit Kramm es formuliert. Abstand, weil sie zwar die engste Bindungsperson ist, die leiblichen Eltern aber noch existieren. Die SOS-Mütter und -Väter sollen sie nicht ersetzen, sondern nur vertreten, bis sie sich wieder um ihren Nachwuchs kümmern können. "Bis dahin ist ein intensiver Elternkontakt gewollt", so Birgit Kramm, die von den Kindern mit ihrem Vornamen angesprochen wird.

© Massimo Rodari

Im Fall "ihrer" Kinder war es ein ganzes Bündel an familiären Problemen, das die Mädchen und Jungen ins Kinderdorf verschlug. "Arbeitslosigkeit, finanzielle Schwierigkeiten, Trennung, psychische Probleme", schildert Birgit Kramm die Notlage der Eltern aus sozial schwachem Milieu. Für Helen, Robert, Nina und Max war das SOS-Kinderdorf eine Möglichkeit, als Geschwister weiter zusammen zu leben. Die drei Älteren kamen 2003 über eine Empfehlung des Jugendamtes ins Kinderdorf, Nachzügler Max folgte 2008 im Alter von 14 Monaten. Lina, die Birgit Kramm als "oft sehr nachdenklich" beschreibt, stieß vor drei Jahren in die Familie, Jenny (10) vor vier.
Einen geregelten Tagesablauf kannten die Kinder alle nicht. Manche noch nicht einmal ausreichende Mahlzeiten. "Da kam dann Unruhe auf, als der Kühlschrank leer wurde, oder jemand fragte ungläubig: 'Gibt's schon wieder Frühstück?'"

Als härtestes Stück Arbeit empfindet Birgit Kramm allerdings, dass sie auffangen muss, wie die Kinder den kontinuierlichen Rückzug ihrer leiblichen Eltern erleben. "In den ersten Jahren kamen die Eltern regelmäßig", erzählt sie. Mittlerweile gebe es allenfalls noch Telefonate und bei einem Kind drei Mal im Jahr ein Treffen mit der Mutter. "Und das, obwohl die Eltern maximal dreißig Minuten Fahrzeit hierher haben", sagt Birgit Kramm.

Als "Herausforderung" empfindet Birgit Kramm ihren Platz im Kinderdorf. "Ich will die Kinder begleiten, unterstützen und ihnen Selbstbewusstsein geben", sagt sie, die davor viele Jahre in Krippen, Kitas und im Hort gearbeitet hat. Dass sie den Job schaffen würde, daran hat Birgit Kramm nie gezweifelt. Und doch hat sie eineinhalb Jahre überlegt, bis sie sich als Kinderdorf-Mutter verpflichtet hat. "Ich hatte Bedenken, wie ich die Arbeit mit meinem Privatleben vereinbaren kann", sagt sie.

Mittlerweile hat sie ihren Rhythmus gefunden. Fünf Tage und fünf Nächte lebt und arbeitet sie in Moabit. Dann hat sie zwei Tage frei, in denen sie sich in ihre kleine private Wohnung zurückzieht und "bewusst entspannt", etwa beim Lesen oder Radfahren. Eine eigene Familie hat sie nicht: "Ein leibliches Kind brächte mich in einen Zwiespalt: Sollte ich es in meine Freizeit mitnehmen oder im Kinderdorf lassen?" Selbst mit Partnerschaften ist Birgit Kramm vorsichtig: "Die Kinder hatten schon so viele Beziehungsabbrüche, da stellt man nicht leichtfertig einen Freund vor."

Ein Kind wird zurückbleiben

Unter der Woche geht es Birgit Kramm wie einer "richtigen" Mutter. "Die Kinder ticken nicht nach dem Dienstplan", sagt sie: "Zusätzlich zum Kochen, Waschen und Einkaufen, den vielen Terminen der Kinder und den Verpflichtungen gegenüber dem Jugendamt gibt es mal es einen Unfall, mal ein dringendes Elterngespräch in der Schule, mal einen nächtlichen Albtraum." Immerhin kann Birgit Kramm auf die Hilfe eines Teams zurückgreifen: Ihren Kollegen Andre Gaatz, der Vollzeit als SOS-Vater arbeitet. Eine Haushaltshilfe und eine Erzieherin mit jeweils einer halben Stelle.

"Die Kinder haben Vertrauen und akzeptieren mich", freut sich Birgit Kramm. "Wenn es mal Zank gibt und ich eingreifen muss, sagt niemand: 'Du hast mir nichts zu sagen, du bist nicht meine Mama'". Sie kommen zu ihr, wenn sie Sorgen haben und wenn sie kuscheln wollen und kleben auch mal kleine Liebesbotschaften an ihre Zimmertür. Und doch denkt Birgit Kramm bisweilen schon an das Ende. "Spätestens mit 55 Jahren ist Schluss", sagt sie: "Eine SOS-Kinderdorf-Mutter sollte das realistische Bild einer Mutter vermitteln und nicht einer Oma." Sie wünscht sich für Helen, Jenny, Robert, Lina, Nina und Max einen "vernünftigen Abschluss" - und weiß doch, dass es immer der falsche Zeitpunkt für einen Abschied sein wird. Denn für die Kinder, die ausziehen, werden nach dem SOS-Prinzip neue nachrücken. "So werde ich immer ein Kind zurücklassen müssen."

* Namen aller Kinder geändert

Quelle: Zeitschrift Lea und VPA

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