SOS-Kinderdorfmutter Marianne Liebscher

Marianne Liebscher arbeitete 16 Jahre in einer Bank, dann fand sie ihre wahre Berufung

Meine fremden Kinder

Was bringt eine Frau dazu, ihr Leben, das in ruhigen Bahnen läuft, völlig umzukrempeln und noch einmal von vorn anzufangen? Den Beruf, den Wohnort zu wechseln und stattdessen Mutter zu werden? Nein, Marianne Liebscher (49) war nicht der großen Liebe begegnet. Es ging ihr nicht um einen Mann, sondern um etwas ganz anderes. Sie wollte sich um Kinder kümmern. Ihnen Halt geben, ein Stück heile Welt schenken.

„Ich bin selbst in einer wohlbehüteten Familie aufgewachsen“, erzählt sie. Nach der Schule begann sie eine Ausbildung bei der Sparkasse. Ihr Lebensweg schien vorgezeichnet. In der Sparkasse arbeiten, irgendwann heiraten, eine Familie gründen. „Mir hat mein Beruf Spaß gemacht“, sagt Marianne Liebscher, „aber nach 16 Jahren bin ich immer mehr ins Grübeln gekommen. Das Leben meinte es gut mit mir, und doch war da immer wieder dieser Gedanke, dass das nicht alles sein konnte.“

Intuitiv ahnt sie, dass ihr dieser Beruf Erfüllung bringen wird

Marianne Liebscher ist Mitte 30, als sie eine Anzeige von SOS-Kinderdorf liest. Gesucht werden Frauen, die Lust haben, als Kinderdorfmütter zu arbeiten. Das ist es, denkt sie. Die Anzeige bringt in ihr eine Saite zum Klingen, von der sie bislang gar nicht wusste, dass sie existiert. Aber intuitiv ahnt sie, dass ihr dieser Beruf mehr Erfüllung bringen wird. Dass sie ihre Berufung gefunden hat.

Marianne Liebscher bewirbt sich und wird als Praktikantin ins SOS-Kinderdorf Saar vermittelt. Sie kündigt ihren Job bei der Sparkasse, zieht von Heidelberg ins Saarland. Ein Jahr hat sie Zeit, ihren Entschluss zu überprüfen. Ist diese neue Aufgabe wirklich die richtige für sie? „Ich wusste gleich, dass ich die Entscheidung meines Lebens getroffen hatte.“ Nach dem Praktikum beginnt sie eine dreijährige Ausbildung in Tübingen zur Jugend- und Heimerzieherin. „Es war schon ein seltsames Gefühl, mit Mitte 30 noch mal eine Ausbildung zu machen. Aber ich hatte mich schon im Praktikum intensiv mit dieser Aufgabe auseinandergesetzt. Für mich kam nichts anderes mehr infrage.“ Im Dezember 2004 legt sie ihre Prüfung ab, im Januar nimmt sie bereits als SOS-Kinderdorfmutter die ersten Kinder auf.

Die Idee von SOS-Kinderdorf stammt vom Österreicher Hermann Gmeiner, der das erste Dorf Mitte der 50er-Jahre gegründet hat. Vor allem Kriegswaisen sollten dort eine Heimat finden. Heute gibt es weltweit 555 Kinderdörfer, über 60000 Kinder und Jugendliche werden dort betreut. Waisen leben in der Regel nicht mehr in den Dörfern (jedenfalls nicht in den deutschen), heute sind es Pflegekinder. Vermittelt werden sie vom Jugendamt, weil die leiblichen Eltern sich nicht um die Kinder kümmern können, Probleme bei der Erziehung haben oder Gefahr für das Kind besteht, weil es in einem Klima von Gewalt aufwächst und einen Hort der Sicherheit braucht.

Die Kinder auf ein selbständiges Leben vorbereiten

SOS-Kinderdorfmutter Marianne Liebscher © SOS-Kinderdorf e.V. / Foto: Maximilian Geuter vergrößern

Fünf Kinder zwischen fünf und 15 Jahren leben bei Marianne Liebscher, vier Jungs, ein Mädchen. Wenn sie erwachsen sind, die Schule beendet und eine Ausbildung haben, ziehen sie aus dem SOS-Kinderdorf aus, werden im besten Fall selbstständig, gründen eigene Familien.

Aber so glatt, wie es sich anhört, läuft es im wirklichen Leben meistens nicht. Jedes Pflegekind bringt eine Bürde von Problemen mit – egal, wie alt es ist. Eins der Symptome von Vernachlässigung, Gewalt und Verwahrlosung ist die sogenannte Anstrengungsverweigerung. Der ganze Alltag fällt den Kindern schwer, die Ansprüche der bürgerlichen Gesellschaft, der Druck der Schule, später der Ausbildung. Marianne Liebschers Aufgabe ist es, den Kindern nicht nur Liebe und Geborgenheit zu geben, sondern sie vorzubereiten auf ein selbstständiges Leben. „Das ist die große Herausforderung“, berichtet sie. „Auch für Dreijährige kann es schon zu anstrengend sein, sich morgens anzuziehen. Kindergarten, Schule – alles das ist Stress pur für die Kinder.“

Natürlich wissen auch schon die kleinen Kinder, dass Marianne Liebscher nicht ihre leibliche Mutter ist. „Ich erkläre ihnen immer, dass sie zwei Mütter haben. Eine, die sie auf die Welt gebracht hat und zu der sie ja auch Kontakt haben. Und eine, die sich im Alltag um sie kümmert.“ Die Kinder sprechen sie mit Vornamen an, manchmal sagen sie aber auch Mama. Vier Wochen am Stück ist sie jeweils rund um die Uhr für die Kinder da, dann hat sie ein paar Tage frei.* Außerdem hilft ihr eine Haushaltskraft. „Einkaufen, waschen, Essen kochen, den ganzen Haushalt erledigen: Das würde ich allein nicht schaffen. Die Häuser sind ziemlich groß, jedes Kind hat ein Zimmer. Und dann schreibe ich auch noch die Berichte fürs Jugendamt, organisiere Arztbesuche, diskutiere mit den Schulen. Und es gehört auch zu meinen Aufgaben, den Kindern Kontakt mit ihren leiblichen Eltern zu ermöglichen.“

"Ich bin Single, habe aber eine Familie. Das fühlt sich gut an."

Marianne Liebscher sagt, sie hat ihren Platz im Leben gefunden. Sie ist Single, aber sie hat eine Familie. „Es fühlt sich gut an, wie es ist.“ Glück findet sie oft in den kleinen Dingen. „Neulich hat einer von den Jungen Fahrrad fahren gelernt. Darüber habe ich mich wahnsinnig gefreut. Es sind viele Mini-Schritte, die mir sagen: Ich bin auf dem richtigen Weg.“ Wie kommt sie damit zurecht, dass es nicht ihre, sondern fremde Kinder sind? Kinder, die ihre Eltern haben und manchmal auch zu ihnen zurückgehen? „Es sind nicht meine Kinder, ich kann das ganz klar trennen. Aber sie sind mir trotzdem sehr nah. Jedes Kind ist einzigartig. Was man braucht, ist ein ganz, ganz langer Atem. Aber es kommt so viel von den Kindern zurück. Und das macht mich glücklich.“

* Ein Team aus pädagogischen Fachkräften unterstützt Marianne Liebscher in der Betreuung und Erziehung der Kinder und übernimmt diese Aufgabe vollständig, wenn Marianne Liebscher nicht im Dienst ist. (Ergänzung durch den SOS-Kinderdorf e.V.)


Artikel erschienen in: Für Sie (Jahreszeiten Verlag), Ausgabe 14/2015, Autorin: Susanne Walsleben

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