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Mutter auf (Lebens-)Zeit

Christiane Bodenstedt ist seit über 30 Jahren Mutter im SOS-Kinderdorf. Jetzt hört sie auf, aber die Familie bleibt ihr. Nicht zuletzt, weil sie gelernt hat, dass man Kinder loslassen muss

Die drei Kinderzimmer sind bereits ausgeräumt. In einem stehen ein paar Umzugskisten, an den Wänden hängen noch bunte Poster. Im Flur erinnern viele Fotos an die kleinen und größeren Mädchen und Jungen, die in diesem geräumigen Bungalow in Harksheide einmal ein Zuhause gefunden haben. Christiane Bodenstedt wird alle gut verstauen, um sie in ihrem neuen Haus in Ostfriesland wieder aufzuhängen. Es sind Erinnerungen an 27 Jahre in dem SOS-Kinderdorf vor den Toren Hamburgs, über die sie sagt: "Ich bereue nicht einen Tag."

In Dornum hinterm Deich fängt nun ihr neues Leben an

Christiane Bodenstedt ist eine kleine stämmige Frau mit einem fröhlichen Gesicht, und man sieht ihr sofort an, dass sie nichts so leicht umzuwerfen vermag. Sie hat zwölf Kinder. "Und 18 Enkelkinder". Bodenstedt ist, wenn man so will, die Mutter aller Mütter. Es ist nicht alltäglich, dass eine Frau mehr als 30 Jahre im SOS-Kinderdorf bleibt. Ihr letzter Sohn, 17, ist vor zwei Wochen ausgezogen. In Dornum hinterm Deich fängt nun ihr neues Leben an.

Ihr erstes begann vor 55 Jahren in Rinteln. Ihre Eltern hatten eine Bäckerei, sie hat noch zwei Brüder. Nach der Realschule wurde sie Arzthelferin in einer Unfallchirurgie. Als sie 23 war, starb ihre Mutter. Christiane Bodenstedt musste sich zunächst viel um die Familie kümmern. "Als ich das Gefühl hatte, mein Vater und meine Brüder sind jetzt selbstständig, habe ich mich beim SOS-Kinderdorf beworben", sagt sie und lächelt. Denn sie hatte damals gedacht: "Die nehmen mich sowieso nicht." Taten die aber doch, und schickten sie schon vier Wochen später mit ins SOS-Ferienlager nach Italien. "Oh wie schön", fand sie zuerst, bis sie merkte, "was für einen Ballast die Kinder mit sich herumtragen".

"Hallo, du bist jetzt unsere neue Mama"

Sie hat zunächst zwei Jahre lang Kinderdorf-Mütter vertreten und gedacht, "das, was die leisten, schaffe ich nie". Mit 28 Jahren kam sie ins SOS-Kinderdorf nach Harksheide und wurde die "Mutter" von Stefan, 14, der seine Eltern verloren hatte. "Ich war naiv und idealistisch. Und das war auch gut so. Denn dadurch hatte ich enorm viel Schwung." Ein paar Tage später standen plötzlich sechs Kinder vor der Tür. Und da begann ihr zweites Leben. Fünf Jungs, ein Mädchen. Zwei bis zehn Jahre alt. "Hallo, du bist jetzt unsere neue Mama", sagte das Mädchen. "Ich wurde bleich - und Stefan auch." Über den Zweitältesten sagte eine Kollegin, die ihn zeitweise betreut hatte, sie halte es mit dem Jungen keine Minute länger aus. Der Junge war der Clanführer eines Wolfsrudels. Neun Jahre alt, "und wir verstanden uns sofort". Er übertrug ihr die Erzieherrolle für das Rudel, die er vorher selbst innehatte - weil die Kinder sich selbst überlassen waren, vernachlässigt, emotional verwahrlost. Der Zweijährige war mal zwei Tage lang ausgesetzt worden. "Die konnten nur überleben, weil sie geklaut haben, sonst wären sie verhungert." Eine "wohlorganisierte Bande", in der der Kleinste den Kasper im Geschäft spielte, damit die anderen unbemerkt Lebensmittel einstecken konnten.

"Nach zwei Jahren ist das Schlimmste überstanden"

"Wenn Kinder zur Welt kommen, sind sie erst mal vollkommen", sagt Christiane Bodenstedt. "Und wenn sie irgendwann zu uns kommen, ist das das Werk von Erwachsenen. Die Kinder können nichts dafür." Jetzt aber hatten diese Kinder jemanden, der plötzlich Sätze sagte wie: "Klauen geht gar nicht." Und der sie dabei in den Arm nahm. Und nur weil eine Beziehung entstanden ist, "hörten sie damit auf", sagt Christiane Bodenstedt. "Nicht weil sie eingesehen haben, dass das falsch war, was sie taten." Die haben sich "meine Werte angeguckt". Das klingt jetzt sehr einfach, Frau Bodenstedt. War's das? "Nö", sagt sie und lacht. Wenn junge Kinderdorf-Mütter heute zu ihr kommen und sagen, sie können nicht mehr, antwortet sie: "Ihr braucht zwei Jahre, dann habt ihr das Schlimmste überstanden." Sie selbst hat in den ersten zwei Jahren nicht mehr mitgekriegt, was in der Welt passierte. Und auch nicht, was im Dorf ablief. Ein auf vier Wände beschränktes Leben im Takt als einzige Chance im Kampf um ein bisschen Stabilität. Morgens um sechs Uhr klingelte der Wecker. Sie hat nicht alle Kinder auf einmal geweckt, um jedem einzelnen einen größtmöglichen Raum für ein ruhiges Frühstück zu geben. Sie brachte die Kinder in die Schule und in den Kindergarten.

"Haben Sie schon mal für acht Menschen die Socken gewaschen?"

Dann der Haushalt. "Haben Sie schon mal für acht Menschen die Socken gewaschen? Rechnen Sie sich mal aus, was da in einer Woche zusammenkommt!" Sie hat das Mittagessen gekocht und meistens auf den Letzten gewartet, "damit wir gemeinsam essen konnten". Dann begann "die heiße Zeit der Schularbeiten". Nachmittags hat sie zugesehen, dass ihre Kinder auch außerhalb des Dorfes Kontakte knüpfen. Hat sie zum Judo gefahren, zum Spielmannszug. Und nach dem Abendessen gab es "ein klares Zubettgehen". Damit sie ein kleines Gefühl von Feierabend spürte. "Und wenn es nur eine halbe Stunde vor dem Fernseher war." Es ging ihr um das "Wir-Gefühl". Freitagabends etwas Schönes zusammen essen. Sonnabends früh alle in ihrem Bett. Einer hockte auf der Kante. Ausschlafen, kuscheln, zerstrubbelt und lustig sein. Den Tag planen. Aufgaben verteilen. Einer macht das Bad, einer den Flur, einer putzt die Schuhe. "Wenn jeder irgendetwas aufräumt, können wir schneller los." Ausflüge machen. In den Wildpark Eekholt, in den Wald, ins Schwimmbad. Ins Kino. In den Ferien auf den Bauernhof nach Dänemark. Zusammen spielen, Trecker fahren am Strand. Man kann ja im Sand spielen! Förden, fordern, lieben.

"Erziehung ist, Schätze nicht leichtfertig über Bord zu werfen"

"Das ist alles nicht neu", sagt Christiane Bodenstedt, die sich manchmal etwas wundert, wenn in der aktuellen Diskussion um den richtigen Umgang mit problematischen Kindern plötzlich wieder vermehrt darauf hingewiesen wird, wie wichtig elterliche Präsenz, klare Regeln, ein sicherer Rahmen und straffe Strukturen für Kinder sind. Sie spricht von den "Nachwehen der 68er, die in Sachen Erziehung alles über Bord geschmissen haben". Das sei nicht wirklich klug, findet sie. "Man muss immer sondieren: Was hüte ich, was verändere ich?" Natürlich hätten es junge Eltern heute nicht leicht bei der Reizüberflutung. So viele Angebote, "da fällt es manchmal schwer, sich zu orientieren." Und wie geht denn überhaupt Erziehung? Wie kann ich verhindern, dass der Fernseher den ganzen Tag läuft? Wie kann ich einkaufen, ohne mich zu verschulden? Wie komme ich mit einem Sack Kartoffeln eine Woche lang aus, ohne dass es immer das gleiche Mittagessen gibt? Christiane Bodenstedt sagt, dass von Generation zu Generation immer weniger Wissen weitergegeben werde. Auch weil die Kommunikation nachgelassen habe. Und dass so "Schätze leichtfertig über Bord geworfen wurden". Wenn Kinder lange Bettnässer sind oder vor Wut Türen zerschlagen, wenn sie bei geringstem Stress Hautauschlag kriegen und man sie wegen der bösen Träume in den Nächten immer wieder einsammeln und in ihre Betten zurückverfrachten muss, ist das schon eine ungeheuere Belastung.

"Wir Kinderdorf-Mütter sind in den letzten drei Jahrzehnten immer mehr Spezialisten für Störungen geworden", sagt Christiane Bodenstedt. Wenn sie zu Ärzten gegangen ist, hatte sie manchmal das Gefühl: "Ich erzähl euch jetzt mal, was hier wirklich nötig ist." Aber nun ging es ans Eingemachte. "In der Pubertät gucken die Jugendlichen sich ihre Wurzeln an", sagt sie. Und musste ihren Kindern beibringen: "Ich bin nicht eure Wurzel." Diskussionen darüber, dass man keine Messer mit sich herumträgt und Menschen nicht verletzen oder wegen ihrer Herkunft diskriminieren dürfe. Trotzdem musste sie irgendwann einen ihrer Söhne in der Justizvollzugsanstalt besuchen. Gespräche über das werdende Leben. Und trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass eine ihrer Töchter eine Abtreibung vornahm. Christiane Bodenstedt ist aktives Mitglied in einer christlichen Gemeinde, und diese Auseinandersetzung war schmerzhaft für sie. Es gab auch eine Zeit, in der sie Angst hatte, dass sich eine Tochter prostituiert. In der eines ihrer Kinder auch mal zwei Tage lang verschwunden war. Sie sorgte sich, fühlte sich hilflos, massive Schlafstörungen waren die Folge. Dabei hätte sie es gar nicht so weit kommen lassen müssen. "Wenn eine Generation von Kindern ausgezogen ist, kann man als Kinderdorf-Mutter aufhören. Aber ich dachte, ich habe so viel gelernt, da wäre es doch schade, das nicht weiterzugeben." Also sagte sie ja, als noch drei Kinder (14, 15 und 18 Jahre) im Haus waren und zwei neue dazukommen sollten: Ein Mädchen, 7, und ein Junge, 9. Und als etwas später ihr Chef sie fragte, ob sie noch zwei Mädchen aufnehmen könne, hat sie ebenfalls genickt.

Ein Haken im Alter von zwei Jahren

"Die Sache hat aber einen Haken", meinte der Chef. "Dazu gehört noch ein zweijähriger Bruder." Den Haken nehme ich gerne, hat sie geantwortet. 15 Jahre später ist Marvin der Letzte, der aus diesem denkwürdigen Haus auszieht. Einem Haus, in dem es Tag und Nacht darum ging, junge Menschen davor zu bewahren, auf die schiefe Bahn zu kommen. Und bei der Frage, was aus ihren Kindern geworden ist, bemüht Christiane Bodenstedt alle ihre Finger. Elektriker, Anlagentechniker, zwei Gabelstaplerfahrer. Einer ist im Außendienst, eine Altenpflegerin ist jetzt Wohnbereichsleiterin in einer Seniorenresidenz. Eine lernt Köchin, einer will Landwirt werden. Manche sind verheiratet und haben Kinder. Zu zweien ist der Kontakt momentan abgebrochen.

Was für Gefühle hatte sie in all den Jahren für die leiblichen Eltern, wenn sie aus den Akten von den traurigen Fakten erfuhr? Wut? Ärger? Hass? Christiane Bodenstedt muss eine Weile überlegen. "Hass sowieso nicht. Ich bin ein sehr empathischer Mensch und kann mich gut in andere reinversetzen." Sie hatte ja Kontakt zu den Eltern und realisierte sehr schnell, dass sie als Täter vorher auch immer Opfer gewesen sind. "Wie können die Kindern etwas weitergeben, was sie selbst nie erfahren haben?", fragt sie. Manchmal war es so, dass die Kinder von sich aus den Kontakt zu den leiblichen Eltern nicht mehr wollten. Es gab aber auch leibliche Mütter, die sich drei Jahre nicht gemeldet haben. Manchmal hatten Geschwisterkinder genau dieselben schlimmen Erfahrungen gemacht, sie aber völlig unterschiedlich verarbeitet. "Wenn Papa und Mama sich gestritten haben, bin ich immer aus dem Haus gegangen und habe mich auf einen Baum gesetzt", hat ihr ein kleines Mädchen erzählt. Wie hält man das aus? Christiane Bodenstedt erzählt eine Geschichte: Einmal haben ihr Ärzte gesagt, dass ihr vierjähriger Junge mit autistischen Zügen nicht beschulbar ist und nie Lesen lernen wird. Irgendwann machten sie wieder zusammen Schularbeiten, saßen am Esstisch, "und plötzlich hat er eine ganze Seite vom Blatt abgelesen - und ich habe geheult wie ein Schlosshund." Der Junge machte später seinen Abschluss an der Förderschule.

"Ich finde, zwölf reichen"

Es muss im Laufe der 27 Jahre viele solcher Geschichten gegeben haben. Und es gab den Glauben, der immer die Basis war. "Gott hat eine große Liebe für die Kinder", sagt sie. "Und ich bin sein Werkzeug, um diese Liebe weiterzugeben. Geduld zu haben und Grenzen zu ziehen." Sie hat gelernt, dass "Kinder kein Besitz sind, sondern uns nur für eine bestimmte Zeit überlassen werden". Und irgendwann muss man sie loslassen. Sie sagt, dass ihre Kinder dadurch, dass sie "mich und meine Werte kennengelernt haben, eine Wahl gehabt haben". Die ist zwar nicht immer so ausgefallen, wie sie sich das gewünscht hat. "Aber sie hatten wenigstens eine Wahl." Hat sie nie daran gedacht, leibliche Kinder zu haben? "Ich finde, zwölf reichen", sagt sie. Und lacht wieder so schön laut.

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