Claudia Braß-Wissink

Interview mit Claudia Braß-Wissink

Tragfähige Beziehungen mit psychisch belasteten Kindern und Jugendlichen professionell gestalten

Kinder und Jugendliche, die in SOS-Wohngruppen kommen, haben in ihren Herkunftsfamilien häufig psychische Erkrankungen erlebt. Meist sind sie selbst psychisch belastet oder sogar traumatisiert. Claudia Braß-Wissink leitet den Bereich Wohngruppen im SOS-Kinderdorf Niederrhein. Im Gespräch geht die Sozialpädagogin darauf ein, wie die psychischen Auffälligkeiten der Mädchen und Jungen die pädagogische Arbeit prägen und worauf es bei der Gestaltung professioneller Beziehungen in diesem Kontext ankommt.

Wie äußern sich die psychischen Belastungen der Kinder und Jugendlichen?

Absprachen, Regeln, auch Beziehungen werden immer wieder infrage gestellt. Dinge, die funktionieren, die schon geklärt waren, werden plötzlich hinterfragt und müssen neu verhandelt werden. Oft passiert es gerade bei gemeinsamen Unternehmungen, dass Einzelne sich danebenbenehmen und manchmal richtig aggressiv sind.

Manche Kinder und Jugendlichen sind so traumatisiert, dass sie es gar nicht aushalten können, in Beziehung zu gehen. Indem sie schöne Momente zerstören, versuchen sie, einen Zustand wiederherzustellen, den sie kennen, und provozieren Reaktionsweisen, die ihre Eltern gezeigt haben. Sie testen aus, wie weit sie gehen können, bis die Pädagogin oder der Pädagoge doch Dinge sagt, die sie beleidigen, oder ob nicht doch irgendwann einmal jemand zuschlägt.

Was bedeutet das für die Gestaltung von Beziehungen in der stationären Betreuung?

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Als Fachkräfte dürfen wir genauso natürlich nicht reagieren. Es kommt darauf an, sich diese Verhaltensmuster bewusst zu machen und professionell zu handeln. Dafür müssen wir uns mit Störungsbildern auskennen, geschult sein und Kindern einen Rahmen bieten, in dem sie bestimmte Erfahrungen und Ängste auch zeigen und ausleben dürfen.

Wichtig ist ein Rahmen mit klaren, aber nicht zu vielen Regeln. Bei Verstößen setzen wir uns gemeinsam damit auseinander. Wir achten darauf, Grenzen zu setzen und auch viel zu loben und zu motivieren, wenn die Dinge gut laufen. Das hilft dabei, das Vertrauen der Kinder und Jugendlichen zu gewinnen.

Was macht aus Ihrer Sicht eine gute professionelle Beziehung aus?

Hilfreich ist, dass wir in unseren Wohngruppen wenig Personalwechsel und dadurch verlässliche Teams haben. Man merkt, dass eine Beziehung gut ist, wenn die Kinder anfangen, sich einzulassen, wenn sie den Mut haben, sich so zu zeigen, wie sie sind, und sich anvertrauen. Die Pädagoginnen und Pädagogen sollten den Kindern vermitteln, dass ihnen nichts nachgetragen wird und sie immer wieder die Möglichkeit bekommen, von vorne zu starten. Professionalität heißt für mich, den Kindern und Jugendlichen Sicherheit zu geben, Beziehung anzubieten und ihnen freizustellen, mit wem sie eine engere Bindung eingehen möchten.

Wie gelingt es, gute Beziehungen zu jungen Menschen mit psychischen Belastungen herzustellen?

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Traumatisierte, bindungsgestörte Kinder profitieren nicht immer von einer intensiven pädagogischen Beziehung, weil sie in dieser Hinsicht eine starke Ambivalenz empfinden. Auf der einen Seite haben sie einen ausgeprägten Wunsch nach Nähe, andererseits aber auch große Angst vor Verlust. Es gilt immer zu schauen: Was brauchen die Kinder, was ist für sie eine gute Beziehung? Und dann geht es darum, verlässliche Strukturen anzubieten, für Gespräche offen zu sein und das eigene Handeln immer wieder zu reflektieren.

Die Bandbreite unserer Methoden reicht von Eltern- und Biografiearbeit bis hin zu intensiven Einzelstunden, die wir Sternstunden nennen. Hier gehen wir vom Konzept der Resilienz aus, setzen an den Stärken der Kinder an und unterstützen sie dabei, ein Selbstwirksamkeitsgefühl zu entwickeln. Es kann auch sein, dass eine Kollegin erst mal Spaziergänge mit dem Mädchen oder Jungen macht, um überhaupt ins Gespräch zu kommen. Und dann gehen wir wichtige Themen ganz konkret an, unabhängig von der Stimmungslage. Es hat eine große Wirkung, zu vermitteln: Diese Einzelstunde ist für dich und in der Zeit machen wir etwas zusammen, egal was vorher passiert ist. Zeit ist ein großer Faktor – Zeit haben, sich Zeit nehmen, weil diese Entwicklungen einfach lange brauchen. Und Kontinuität, trotz der Wechseldienste.

Woran arbeiten Sie mit den Kindern und Jugendlichen in einer solchen Einzelstunde?

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Eines unserer Kinder hatte absolute Panik vor Wasser. Meine Kollegin hat damit angefangen, das Kind ganz vorsichtig an den Kontakt mit Wasser zu gewöhnen, erst viel später sind sie zusammen ins Schwimmbad gegangen. Das Mädchen konnte anfangs nicht einmal mit den Füßen durch ein Becken gehen, heute kann sie schwimmen.

Was steckt hinter solch einer Angst?

Möglicherweise wurde das Kind früher zuhause lange untergetaucht, zu heiß, zu kalt abgeduscht oder hat andere Misshandlungen erfahren. Störungen der Kinder entstehen auch, wenn Mütter oder Väter keinen Kontakt zu ihren Kindern herstellen können, sie nicht angucken, keine Bindung ermöglichen, weil sie selbst psychisch krank sind. Manche Kinder haben keinerlei Sicherheit entwickelt, etwa weil sie tagelang nicht gewickelt, nicht gefüttert wurden und schon als Säuglinge Todesangst hatten. Sie mussten die Erfahrung machen, dass sie schreien und schreien, ohne dass jemand kommt, ohne dass sie versorgt werden. Diese Kinder sind unsicher gebunden und haben verinnerlicht: Ich kann mich nie auf einen Erwachsenen verlassen.

Was tun Sie, wenn es Ihnen nicht gelingt, eine gute Beziehung zu gestalten? Wie geht man in diesem Arbeitsfeld mit Rückschlägen um?

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Das ist unser Alltag, und da müssen wir im Team genau hinschauen, was passiert ist und woran es gelegen hat. Gerade traumatisierte Kinder reagieren anscheinend aus dem Nichts heraus völlig unerwartet. Heute weiß man, manche heftigen Reaktionen werden schon durch einen Geruch, ein Geräusch, durch irgendeine Kleinigkeit getriggert. Deshalb ist es ganz entscheidend, dass wir Pädagogen diese Situationen immer wieder reflektieren und lernen, das Verhalten der Kinder nicht persönlich zu nehmen.

Mit welcher Haltung begegnen Sie den Kindern und Jugendlichen?

In meiner professionellen Rolle muss ich sehr reflektiert sein. Ich achte sehr darauf, wie ich reagiere, darauf, dass ich nicht in die Übertragung und Gegenübertragung gehe. Wenn ich zum Beispiel merke, die Jugendlichen testen mich aufs Äußerste, muss ich mich immer wieder kontrollieren, um eben nicht auf diese Provokationen einzugehen. Aber es ist auch wichtig, authentisch zu sein. Die Kinder sollen erleben, dass die Menschen, die hier arbeiten, verschieden sind. Zur Professionalität gehört auch, ein Stück von sich selbst preiszugeben, auch mal spontan zu reagieren. Diese Gratwanderung zwischen Authentizität und professioneller Distanz macht auch eine Schwierigkeit im Alltag der Kolleginnen und Kollegen aus. Als Bereichsleiterin ist es mir wichtig, sie dabei gut zu begleiten.

Wie gelingt diese Balance zwischen Nähe und Distanz im Kontext psychischer Belastung?

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Wir haben kleinere Kinder, die natürlich Nähe und Körperkontakt brauchen, aber sie sollen auch ein Gefühl für gesunde Grenzen bekommen. Wenn ein Kind zum Beispiel neu in unsere Einrichtung kommt und nach kurzem Kontakt gleich auf den Schoß klettert, denkt man am Anfang vielleicht: Ach, das ist ja nett, der kommt gleich zu mir. Professionell ist es, zu wissen, dass dieses Verhalten nichts mit mir zu tun hat. Der Junge würde sich bei jedem auf den Schoß setzen, weil er nicht gelernt hat, bei fremden Leuten erst einmal auf Distanz zu gehen. Es kommt darauf an, dass wir das Kind dann nicht zurückweisen, sondern ihm diese Dinge vermitteln, verbalisieren.

Erleben Sie auch Situationen, in denen Sie nicht mehr weiterwissen?

Gerade traumatisierte Kinder bringen uns immer wieder in Situationen, in denen wir uns trotz all unseres pädagogischen Wissens ohnmächtig fühlen. Aktuell ist eine unserer Jugendlichen seit über zehn Tagen verschwunden. Sie hat einen deutlich älteren Freund. Wir versuchen alles, sind im Kontakt mit der Mutter, im intensiven Austausch mit dem Jugendamt, aber momentan können wir nicht viel mehr tun, als aushalten, immer wieder Beziehung anbieten und hoffen, dass sie zurückkommt. Wir machen uns natürlich Sorgen, da das Mädchen durch ihre Vorgeschichte sehr gefährdet ist. Die Ungewissheit ist für uns alle sehr belastend.

Wenn Sie Kinder und Jugendliche annehmen und mit Respekt behandeln – woran erkennen Sie, dass dieses Beziehungsangebot bei den jungen Menschen ankommt?

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Toll ist es, wenn wir sehen, die jungen Menschen fühlen sich bei uns wohl, sie sind Bindungen eingegangen zu den Erziehern, sie öffnen sich, erzählen von sich und lassen uns teilhaben an dem, was sie erleben. Wenn die Kinder und Jugendlichen bei Auseinandersetzungen nicht aus der Bahn geworfen werden und wir mit ihnen Konflikte lösen können, merken wir, dass sie stabiler geworden sind.

Besonders freut uns, wenn Jugendliche in die Verselbstständigung gehen und Kontakt halten, wenn sie im Kinderdorf anrufen, weil sie etwas Freudiges zu berichten oder auch ein Problem haben. Daran zeigt sich, da ist wirklich etwas entstanden.

Welche Bedeutung haben positive Beziehungserfahrungen dafür, dass Jugendliche später ein Leben nach ihren Vorstellungen führen können?

Wir hoffen, dass die Kinder und Jugendlichen ein Gefühl dafür entwickeln, dass sie Probleme lösen können, wenn irgendetwas schief geht, dass sie sich auf sich selbst verlassen können und wissen, wo sie Hilfe bekommen. Unser Ziel ist es, dass sie hier lernen, zu vertrauen, weil sie verlässliche Beziehungen erleben. Sie sind hier im Kontakt mit authentischen pädagogischen Fachkräften, die ihnen vorleben, auf welch unterschiedliche Weise man sein Leben gestalten, wie man sich in bestimmten Situationen verhalten kann. Dadurch bekommen die Mädchen und Jungen Anregungen und Orientierung für ihr eigenes Leben.

Ich persönlich finde es wichtig, dass wir den Kindern und Jugendlichen Sicherheit geben, ihnen aber auch ganz klar vermitteln, dass sie selbst über ihre Zukunft entscheiden. Wenn sie immer wieder provozieren, „Ich treibe es so weit, bis ihr mich rauswerft“, dann müssen wir dieses Muster durchbrechen: „Nein, nicht wir entscheiden für dich, sondern du entscheidest durch dein Verhalten mit. Aber ich verspreche dir, wir lassen dich nicht fallen.“ Wir nehmen die Jugendlichen ernst und machen für sie immer transparent, was passiert und welchen Einfluss sie selbst darauf haben – sodass sie schrittweise die Verantwortung für ihr Leben übernehmen können.

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