2. Jahrgang FPEP

Naser, ehemals unbegleiteter minderjähriger Flüchtling, heute Azubi in Saarbrücken, erzählt von seinem Weg in die Selbstständigkeit

„Es ist ein schönes Gefühl, sagen zu können: Das habe ich mir erarbeitet“

„Es ist ein schönes Gefühl, sagen zu können: Das habe ich mir erarbeitet“

Vor fünf Jahren ist Naser aus Afghanistan gekommen. Nach einer langen Flucht, die der damals 14-Jährige auf weiten Strecken zu Fuß zurücklegte, gelangte er nach Saarbrücken. Heute ist er 19 Jahre alt und absolviert eine Ausbildung zur Fachkraft im Gastgewerbe: „Das war meine große Chance, dass ich bei SOS-Kinderdorf diese Ausbildung anfangen konnte.“

Ankunft in Deutschland

Am Anfang, sagt Naser, war es nicht leicht, ohne Sprachkenntnisse in einer ganz anderen Kultur anzukommen: „Aber ich habe gelernt und so langsam kam alles.“ Zwei Monate lang besuchte er einen Deutschkurs und kam dann in die Schule, um seinen Hauptschulabschluss zu machen.

Wirklich schwer war die Ankunft in Deutschland für Naser aber nicht, wenn er zurückdenkt: „Wir haben viel Schlimmes in Griechenland, Italien und Frankreich erlebt. In Griechenland war ich auch im Gefängnis. Und später, in Patras, habe ich nur im Park geschlafen. Als ich dann in Deutschland war, und alle Leute waren freundlich, da habe ich mich gefühlt wie im Paradies.“

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Vor ein paar Jahren war es noch sehr schwierig, nach Deutschland zu kommen, erzählt der junge Mann. Momentan ist die Tür offen, im Fernsehen sieht er, dass die Menschen an den Grenzen versorgt werden. Er selbst musste sich vor fünf Jahren noch richtig durchkämpfen, hatte tagelang nichts zu essen. „Ich bin zum Beispiel den ganzen Weg von Ventimiglia, Italien, bis nach Tanis in Nordfrankreich zu Fuß gelaufen. Zwei, drei Wochen hat das gedauert. Das war sehr gefährlich. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, habe ich Angst. Aber damals hatte ich gar keine Angst.“

Solche Gefahren werden den Jugendlichen oft erst richtig bewusst, wenn Ruhe einkehrt, in der Clearingstelle oder später in der Wohngruppe, bemerkt Sabine Maurer, die den Bereich Ausbildung im SOS-Kinderdorf Saarbrücken leitet. Manche von ihnen werden in der Zeit auch psychologisch begleitet.

In der Ausbildung Anerkennung erfahren

© SOS-Kinderdorf Saarbrücken — Zarghun und Naser (v.l.) vergrößern

Mittlerweile spricht Naser fließend Deutsch und steht kurz vor seiner Abschlussprüfung zur Fachkraft im Gastgewerbe. Zusammen mit seinem besten Freund Zarghun, den er auf der Flucht kennengelernt hat, ist er im Ausbildungszweig des SOS-Kinderdorfs Saarbrücken. „Gerade in unserem Ausbildungsrestaurant, wo sie ja viel mit anderen Menschen zu tun haben, erleben die afghanischen Jugendlichen Wertschätzung. Das trägt sehr dazu bei, dass sie sich hier gut aufgehoben und sicher fühlen“, erklärt Maurer. „Auch das gute Miteinander mit den deutschen Azubis in der gemeinsamen Ausbildung hat einen großen Anteil daran.“ Begleitend zur Berufsschule bekommen die Auszubildenden bei SOS-Kinderdorf Unterstützung, etwa bei der Praktikumssuche, und können mit den „Stützlehrern“ Lerninhalte durchsprechen. Je nachdem, welchen Bildungshintergrund sie haben und wie leicht ihnen der Spracherwerb fällt, werden ihnen Ausbildungen mit einem kleineren oder größeren Theorieanteil empfohlen.

Selbstständig leben

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Naser ist stolz auf das, was er erreicht hat, und darauf, dass alles so gut läuft. Das Hotel, in dem er sein Praktikum macht, hat ihm sogar in Aussicht gestellt, dort ganz regulär ein drittes Ausbildungsjahr zum Restaurantfachmann zu absolvieren. Auch eine eigene Wohnung hat er schon bezogen und selbst eingerichtet. „Es ist ein schönes Gefühl, sagen zu können: Das ist jetzt alles meins. Ich habe dafür gespart und mir viele schöne Sachen gekauft“, freut sich Naser.

In seiner Freizeit lernt er für die Prüfung, geht ins Kino, ins Fitnessstudio oder trifft sich mit Freunden. Davon hat er viele in Saarbrücken, die Stadt ist klein, alle kennen sich. Und er kocht gerne – indisch, persisch, deutsch und französisch.

Sabine Maurer hat Naser als sehr selbstständigen jungen Mann kennengelernt. Befragt, woher das kommt, meint er: „Das habe ich alles in der Wohngruppe bei SOS-Kinderdorf gelernt. Einmal in der Woche hatten wir einen Termin mit der Betreuerin oder dem Betreuer, die uns alles beigebracht haben. Jetzt weiß ich genau, wie ich koche und wie ich meine Wohnung saubermache.“ Stundenweise kommt seine ehemalige Bezugsbetreuerin noch vorbei, um zu sehen, wie es ihm geht und ihn bei Bedarf zu unterstützen.

Begleitung der jungen Menschen in der Ausbildung

Als das SOS-Kinderdorf Saarbrücken mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Berührung kam, hörte Maurer als Erstes, die Jugendlichen, die hier ohne Begleitung ankommen, seien so nett und höflich, so interessiert daran, weiterzukommen, sie strengten sich an, um sich einen guten Platz zu erarbeiten – in der Gesellschaft, im Arbeitsleben und in ihrem Freundeskreis. Und genau so haben sich auch Naser und Zarghun von Anfang an gezeigt, erzählt sie.

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Im Alltag geht es für die Ausbilderinnen und Ausbilder darum, kulturelle Unterschiede zu berücksichtigen und damit umzugehen, etwa wenn die Jugendlichen aus Afghanistan bestimmte Regeln nicht kennen oder noch nicht verinnerlicht haben. Es geht um die Balance, bis zu einem gewissen Grad Rücksicht zu nehmen und auf ihre Belange einzugehen, aber auch keine Sonderregelungen für die Jugendlichen mit anderem kulturellen Hintergrund zu etablieren, sondern sie zu behandeln wie alle anderen auch.

Die Ausbilder im SOS-Kinderdorf Saarbrücken wissen mittlerweile in etwa, was sie erwartet, wenn weitere junge Flüchtlinge kommen. „Im Grunde ist die Haltung der Kolleginnen und Kollegen immer gleich: Wer mit hoch belasteten jungen Menschen arbeitet, muss einfach viel Toleranz, Verständnis und Langmut mitbringen“, so Maurer. „Und das gilt eben auch für die Arbeit mit Flüchtlingen. Die Erwartung an die Fachkräfte ist, dass sie sich auf jede und jeden Jugendlichen mit ihrem individuellen Hintergrund einlassen, egal ob dieser kulturell anders ist, ob sie sozial benachteiligt oder psychisch belastet sind. Und dass sie mit den Jugendlichen an ihren Belastungen arbeiten, natürlich immer eingebettet in klare Strukturen.“

Nasers Pläne für die Zukunft

Er hat viele Pläne im Kopf, sagt Naser. „Ich mache auf jeden Fall meine Ausbildung fertig und arbeite ein paar Jahre in diesem Bereich. Und dann will ich vielleicht noch mein Abitur machen und studieren.“ Seine Arbeit in der Gastronomie macht ihm Spaß, aber besonders gerne möchte er sich im sozialen Bereich engagieren. „Ich habe fast acht Monate mit alten Leuten gearbeitet in meinem Praktikum im Altersheim, und das hat mir sehr gefallen. Ist eigentlich sehr schwer, viele Leute können sich das nicht vorstellen. Aber mir gefällt es, mit Menschen beschäftigt zu sein, mit Kindern, Jugendlichen oder alten Leuten. Menschen halt.“ 

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