Frühe Hilfen erfordern kooperative Netzwerke im Sozialraum

„Die Zielgruppe frühzeitig erreichen“

               

Onlineberatung
"Wenn wir gezielt junge Eltern erreichen wollen, sollten wir Medien berücksichtigen, die sie regelmäßig nutzen, etwa das Internet," so Thomas Walter, Leiter des SOS-Familienzentrums Berlin in Hellersdorf.
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Frühe Hilfen stehen allen Familien mit kleinen Kindern offen, sollen aber insbesondere Menschen in belasteten Lebenssituationen stärken. Solche Angebote bedarfsgerecht zu entwickeln, in der Zielgruppe bekannt zu machen und mit vorhandenen Hilfen im Sozialraum zu verzahnen, erfordert viel Vernetzungsarbeit. Das SOS-Familienzentrum Berlin in Hellersdorf zählt im Bereich Frühe Hilfen zu den vier Schwerpunkteinrichtungen des SOS-Kinderdorf e.V. Ein Gespräch mit Thomas Walter, dem Leiter des SOS-Familienzentrums.

Wie haben Sie den Bereich Frühe Hilfen in Ihrer Einrichtung aufgebaut?

Eine große Rolle hat dabei die interne Vernetzung gespielt. Wir müssen das Rad ja nicht neu erfinden, sondern wollen auch hier unsere Ressourcen und Erfahrungen nutzen. Als wir vom SOS-Kinderdorfverein 2012 den Auftrag bekamen, den Bereich Frühe Hilfen aufzubauen, traf sich das Gesamtteam zum Brainstorming. So entstand eine bereichsübergreifende Liste mit Ideen, die wir in verschiedenen Clustern gebündelt haben. Parallel haben wir eine Arbeitsgruppe Frühe Hilfen ins Leben gerufen, mit je einer Vertreterin aus der Erziehungs- und Familienberatung sowie dem Familientreffpunkt und mir. Diese AG hat das Thema vorangetrieben. Unsere Arbeitsgrundlage war die Prioritätenliste des Gesamtteams; ganz oben standen übrigens Online- und aufsuchende Beratung.

Gab es hausintern unerwartete Hürden?

Ja, nach rund sechs Monaten zeigte sich, dass mehr Austausch zwischen der Arbeitsgruppe und dem Gesamtteam nötig war, als es die regulären Teamsitzungen erlaubten. Die Bereichsteams haben daraufhin eigene Projektgruppen Frühe Hilfen gebildet. Ihre Ideen und Konzepte stellen die Projektgruppen zweimal pro Quartal in der Lenkungsrunde Frühe Hilfen vor, bevor die gemeinsame Arbeit praxiswirksam wird. Für das Haus insgesamt wirken die Frühen Hilfen wie eine teamübergreifende Klammer. Das hat Vorteile für das Selbstverständnis der Einrichtung und die gemeinsame Diskussion.

Wie gelingt es in der Praxis, Frühe Hilfen bereichsübergreifend zu gestalten?

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Es gibt ja immer einen Erstkontakt, ganz egal, ob bei der Schwangeren- und Sozialberatung oder in der Krabbelgruppe. Wir stellen uns dann die Prüffragen: „Ist das die geeignete Hilfe?“ und „Ist die Hilfe ausreichend?“ Falls nicht, greift automatisch die interne Vernetzung. Dann vermittelt zum Beispiel die Mitarbeiterin aus der Krabbelgruppe eine Mutter in die Sofort-Sprechstunde unserer Erziehungs- und Familienberatung. Gute interne Vernetzung setzt natürlich voraus, dass alle wissen, wer was macht und wer in welchem Bereich vertieft einsteigen kann. Umgekehrt heißt das, eigene Grenzen zu sehen, zu akzeptieren und gegebenenfalls gezielt Kolleginnen und Kollegen heranzuziehen.

Mit Blick auf die externe Vernetzung haben Sie systematisch analysiert, welche Frühen Hilfen es vor Ort schon gibt und wo noch Lücken bestehen. Wie ist das gelungen?

Sobald klar war, dass wir uns intensiv in diesem Bereich engagieren werden, haben wir das im Sozialraum kommuniziert. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben das in den Gremien bekanntgemacht, in denen sie aktiv sind. Wir haben natürlich unsere Netzwerkpartner informiert und um deren Input gebeten. Ein Glücksfall war, dass wir den Verein „Gesundheit Berlin-Brandenburg“ als Kooperationspartner gewinnen konnten. Er untersuchte bereits im Rahmen eines Monitorings, wie die Präventionskette in Hellersdorf-Nord aufgestellt ist. So konnten wir die Ergebnisse aus dieser qualitativen Befragung von Familien aufgreifen: Wir erfuhren, was diese im Sozialraum noch vermissen und welche Angebote es schon gibt.

Welche Angebote haben Sie daraufhin neu entwickelt?

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Neu sind bei uns die Onlineberatung, die aufsuchende Beratung bei Regulationsstörungen, etwa für Eltern der so genannten Schreibabys, sowie der Infopoint für Alleinerziehende. Er ist speziell für Alleinerziehende mit ganz kleinen Kindern gedacht und wird sehr gut angenommen. Der Stadtteil Hellersdorf-Nord, in dem das SOS-Familienzentrum liegt, hat rund 33.000 Einwohner, unser direkter Einzugsbereich um die 10.000. Darunter sind sehr viele junge alleinerziehende Mütter. Ihre Zahl steigt, da sozial oder finanziell Schwächere an den Stadtrand gedrängt werden. Auch einige bestehende Angebote haben wir verstärkt. So hat eine Mitarbeiterin jetzt mehr Stunden für Krabbel- und PEKIP-Kurse, weil es da lange Wartezeiten gab. Aktuell planen wir, gemeinsam mit weiteren Trägern Familienhebammen zu etablieren. Bei anderen Leistungen war klar: Das machen wir nicht, das bietet hier schon jemand an.

Wie arbeiten Sie im Alltag mit externen Partnern und Institutionen zusammen?

Die größte Herausforderung bei den Frühen Hilfen ist für uns, die Zielgruppe zu erreichen, für die wir die Angebote bereithalten. Gerade da bewähren sich Kooperationen und Netzwerke im Sozialraum sowie konkrete Absprachen. Zum Beispiel kann sich eine Mitarbeiterin aus dem Gesundheitsamt nach einem Erst-Hausbesuch an Fachkräfte hier im Familienzentrum wenden, wenn sie eine Fallberatung wünscht. Gemeinsam überlegen beide, welches Angebot eine sinnvolle Unterstützung für die Familie wäre. Außerdem gehen wir vergrößern gezielt auch außer Haus. So besucht etwa eine unserer Mitarbeiterinnen den Teenie-Müttertreff eines anderen Trägers, gestaltet dort Gruppen und bietet Informationen an. Es ist wichtig, dass wir uns bewegen. Denn die Familien, die wir erreichen wollen, gehen oft nicht über ihre unmittelbare Nachbarschaft, ihren „Kiez“ hinaus. Es gibt auch einen engagierten Kinderarzt hier, zu dem wir Kontakt halten. Ein großes Plus ist für uns die Fachberatung zu psychiatrischen Fragestellungen durch das Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge, die psychiatrische Klinik vor Ort. 

Worauf kommt es bei der Zusammenarbeit über verschiedene Systeme hinweg an?

Auf die Klarheit des Ziels kommt es an, und darauf, dass die einzelnen Partner einen Mehrwert gewinnen. Das wiederum gelingt nur, wenn die unterschiedlichen Träger im Sozialraum guten Kontakt untereinander pflegen. Das gemeinsame Anliegen ist, gezielt auf den Bedarf der Familien zu reagieren und aufeinander abgestimmte, präventive Angebote bereitzuhalten. Letztlich sollen die Frühen Hilfen ja dazu beitragen, Überforderung, Vernachlässigung und Gewalt zu verhindern.

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Damit dies gelingt, müssen alle über ihren Schatten springen: Es kommt darauf an, vorhandene Angebote zu kennen und die Zielgruppe jenseits des Konkurrenzdenkens auch darüber zu informieren. Gefragt ist zielgruppenorientiertes, sachbezogenes Denken und Handeln. Wer jemanden zu einem anderen Träger vermittelt, sollte wissen, was dort geschieht – und Rückmeldung dazu suchen, ob die Familien dort auch ankommen. Das gilt gerade für eine sozial benachteiligte Gruppe.

Welche Rolle spielen dabei Vernetzungstreffen?

Netzwerktreffen sind unentbehrlich. Im Sozialraum Hellersdorf-Nord gibt es alle vier Wochen eine Vernetzungsrunde. Da sitzen beispielsweise Leute aus dem Bereich Jugendamt, Stadtteilzentrum, Quartiersmanagement, Polizei, Bildung und Kinder- und Jugendhilfe bzw. Jugendgerichtshilfe an einem Tisch. Im Netzwerk „Rund um die Geburt“ wiederum treffen sich Klinikvertreter, Krankenkassen, verschiedene freie Träger, Elternpatenprojekte, Kinderärzte und Hebammen. In unserem eigenen Netzwerk „Starke Kinder“ sind zusätzlich Akteure aus Hellersdorf-Nord aktiv, die sich hauptsächlich um aktuelle Anliegen im Stadtteil kümmern, insbesondere für die Altersgruppe bis zum Grundschulalter.

Wie sehen andere lokale Träger das Engagement des SOS-Kinderdorf e.V. im Bereich Frühe Hilfen?

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Dass SOS-Kinderdorf sich hier in diesem Bereich engagiert, hat viel befeuert. Es spornt ein Netzwerk oder Gremium an, wenn dort entwickelte Ideen auch umgesetzt werden können. Dafür geht der SOS-Kinderdorfverein hier als Träger oft in Vorleistung, z. B. mit personellen Ressourcen. Anteilig sind das aktuell 2,75 Vollzeitstellen. Ich weise daher bei den entsprechenden Stellen, etwa im Jugendhilfeausschuss, darauf hin: Wenn wirksame Frühe Hilfen bundesweit politisch wirklich gewollt sind, müssen vor Ort auch Mittel dafür bereitgestellt werden.

Frühe Hilfen sollen präventiv wirken. Falls das Team im Rahmen dieses Angebots Kinderschutzfälle bemerkt: Wie geht es damit um?

Wir haben klare Handlungsleitlinien für den Umgang mit dem Thema Kinderschutz. Sie greifen, sobald das Thema auftaucht, egal in welchem Kontext. Es gibt genau definierte Prozesse, um zu klären, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt oder nicht sicher auszuschließen ist. Aber auch dazu, wie wir vorgehen, wenn das Jugendamt informiert werden muss. Zum Beispiel folgen wir dem Grundsatz, bei Problemen, die wir melden, die betreffenden Personen möglichst vorher zu informieren. Gerade in der aufsuchenden Beratung stehen wir manchmal an der Grenzlinie. Doch wir haben ganz klar gesagt, dass wir nicht in die Familien gehen, wenn es sich um Kinderschutzfälle handelt, ohne mit dem Jugendamt und den Familien einen abgestimmten Hilfeplan zu erarbeiteten. Aber es ist und bleibt eine Gratwanderung: Einerseits nehmen wir eine positive Grundhaltung ein, wollen Ressourcen aktivieren und das Positive stärken. Andererseits müssen wir klar erkennen, wo das nicht mehr reicht, und entsprechend handeln.

               

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