Kollegiale Fallberatung

Geschwisterkinder besser verstehen

Wie können Fachkräfte systematisch vorgehen, wenn sie einzelne Geschwister und ganze Geschwistergruppen besser verstehen wollen?  Dieser Frage widmeten der SOS-Kinderdorfverein und die Universität Koblenz ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt: Ein Team um Prof. Dr. Christian Schrapper und Michaela Hinterwälder kooperierte mit Fachkräften aus drei SOS-Kinderdörfern und aus verschiedenen Jugendämtern.

Geschwisterbeziehungen durchblicken und verstehen

Geschwisterkindern und ihren Beziehungen im Setting der stationären Erziehungs­hilfe gerecht zu werden, ist eine spezielle Herausforderung. Nur wer die jungen Menschen versteht, kann ihnen geeignete Hilfeangebote machen. Schon bei der Aufnahme der Kinder ist zu klären: Sollen Geschwister zusammenbleiben oder besser getrennt werden? Für diese und weitere fachliche Entscheidungen im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe wurde eine Variante kollegialer Fallberatung mit dem Fokus Geschwister entwickelt. Das Methodenset zum Fallverstehen erprobten Praktikerinnen und Praktiker von SOS-Kinderdorf e. V. und fallführende Mitarbeiter/-innen eines Jugendamtes in der Praxis und machten dabei ermutigende Erfahrungen. Lesen Sie nachfolgend die wichtigsten Eckpunkte des Verfahrens.

Beziehungen zwischen Geschwistern – eingebunden in vielfältige Zusammenhänge

Jedes Geschwisterkind ist Teil eines Familiensystems. Es hat darüber hinaus eine individuelle Lebensgeschichte und üblicherweise auch eine eigene Hilfegeschichte. Das Forscherteam folgerte für das diagnostische Vorgehen:

  • Geschwisterbeziehungen umfassen mehr als nur die aktuellen Verbindungen der Kinder zueinander. Tiefer zu verstehen sind sie erst, wenn auch die Geschichte der Familie und das Verhältnis der Generationen einbezogen werden.
  • Familiäre Dynamiken prägen die Beziehungsmuster aller Kinder. Es ist wichtig, die Perspektive der Geschwistergruppe, aber auch die Sichtweise der Einzelnen im Blick zu halten.
  • Welche Erfahrungen die Kinder und Jugendlichen im Hilfesystem bereits gemacht haben, beeinflusst ihre Reaktion auf aktuelle Hilfeangebote. Dieses Wissen hilft Widerstände zu begreifen und Zugang zu finden.

Geschwister im Kontext ihrer Familien zu verstehen, erfordert Aufmerksamkeit, Kompetenz und Zeit, denn

  • Beziehungen zwischen Geschwistern sind grundsätzlich komplex und meistens mehrdeutig; die familiären Verbindungen von Kindern in der stationären Erziehungshilfe sind oft sehr verzweigt.
  • Geschwisterlichkeit ist zudem befrachtet mit vielen Erwartungen und idealtypischen Bildern. Diese stehen häufig in starkem Kontrast zu den realen Gegebenheiten der fremduntergebrachten Kinder und müssen oft mühsam überwunden werden.

Standardisierte Tests helfen wenig weiter, wenn Fachkräfte das Zusammenspiel von Personen und gesellschaftlichen Idealen durchschauen wollen und Hinweise für ihr pädagogisches Handeln suchen. Die professionell Helfenden müssen Ambivalenzen, Verschiedenheit und Konflikte erkennen und aushalten, bevor sie mit den Kindern Lösungen finden können.

Systematisches Vorgehen erleichtert das Fallverstehen

Geschwisterbeziehungen sind zwar vielfältig, sie lassen sich aber wie alle anderen sozialen Beziehungen erschließen. Das erfordert keine speziellen diagnostischen Instrumente, wohl aber einen spezifischen Blick darauf, was Geschwister­beziehungen möglicherweise bedeuten. Im Projekt wurde ein Methodenset im Rahmen eines Verfahrens kollegialer Fallberatung angewandt, das ganzheitliches Fallverstehen ermöglicht. Es leitet den Blick der Fachkräfte auch auf die Ressourcen der Kinder und Jugendlichen sowie auf ihre Sicht der Dinge. Und es erlaubt den Fachkräften empathisches Mitschwingen. Beim Entfalten der Fakten und Emotionen ist es hilfreich, sich schrittweise über verschiedene Methodenbausteine anzunähern und die komplexen Beziehungen visuell anschaulich zu machen. Folgende Arbeitshilfen bewährten sich: 

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Nach Prof. Dr. Christian Schrapper, Universität Koblenz-Landau, Institut für Pädagogik

Erprobtes Verfahren

Die beteiligten SOS-Kinderdörfer haben zunächst unter Leitung des Forscherteams, dann selbstständig folgendes Vorgehen erprobt:

1. Die Fallgeschichte wird für eine Fallberatung ausführlich aufbereitet. Ein Genogramm bildet wichtige Lebensdaten und Verwandtschaftsverhältnisse ab. Ressourcen- und Netzwerkkarten ergänzen den Eindruck, fehlende Informationen werden eingeholt. Nun können alle Ereignisse der Familiengeschichte zeitlich geordnet in eine chronologische Zeitleiste eingetragen werden. Separat wird die Hilfegeschichte ergänzt.

2. Eine Gruppe aus involvierten und weiteren Kolleginnen und Kollegen bereitet die Falldarstellung gemeinsam auf. Die verantwortlichen Fachkräfte beschreiben den Fallverlauf chronologisch. Sie markieren alle Ereignisse mit Moderationskarten auf einer großen Wand und stellen ihre Beratungsfragen. Danach bringen die Gruppenmitglieder ihre Fragen und Ideen vor. Mit der sichtbaren Fallaufzeichnung im Blick, suchen alle gemeinsam nach erkennbaren Mustern. Die wesentlichen Erkenntnisse werden anschließend gebündelt, jede Konsultation schließt mit einer Reflexionsrunde.

Für die methodische Rahmung ist zu beachten:

  • Fallkonsultationen entfalten ihre Wirkung als moderierte Gruppenleistung. Das Miteinander verschiedener Perspektiven verhindert schablonenhafte Wahrnehmung und Interpretation.
  • Die zentralen diagnostischen Schritte lassen sich auch so beschreiben: Brille putzen, den Blick erweitern, dann wieder auf das Wesentliche reduzieren und schließlich die richtigen Schlüsse ziehen.
  • Eine professionelle „Geschwisterdiagnostik“ verläuft prozesshaft. Dabei geht es zunächst darum, Fakten zu sammeln und Perspektiven zu wechseln. Die Fachkräfte müssen außerdem bereit sein, in Hypothesen zu denken. Diese sind zu prüfen und gegebenenfalls auf neuen Erkenntnisstufen auch wieder zu verwerfen.

Die Teilnehmenden im Projekt waren mit dem Verlauf und den Ergebnissen der Fallberatungen durchweg sehr zufrieden. Insbesondere die SOS-Kinderdorfmütter bewerteten die ungewohnte Form, im großen Kreis über ihre Kinder zu sprechen, nach anfänglicher Skepsis ausgesprochen positiv.

"Insgesamt ist das Vorgehen sehr hilfreich dabei Geschwister anders in den Blick zu nehmen und mit der Aufmerksamkeit systematisch dranzubleiben. Die Erfahrung ,Ha, es klappt auch ohne die Uni!' hat einen Motivationsschub gebracht."

"Ich kann die Dinge jetzt anders sehen, dadurch ist der Druck geringer geworden. Mir ist klarer, was die Kinder umtreibt."

"Die Fallberatung hat mir viel gebracht: Die Perspektive von außen, die ganze Bandbreite der Familiengeschichte präsent zu haben, den Anspruch der Allmächtigkeit loslassen - das war alles sehr positiv."

Pädagogisches Handeln auf der Basis von Fallverstehen setzt auch voraus, dass die betreuenden Fachkräfte ihre eigenen Geschwisterbeziehungen reflektieren. Sind sie sich ihrer eigenen Erfahrungen bewusst, verstehen sie auch die Kinder besser. Nur wenn Fachkräfte nachvollziehen, wie Kinder mit ihren persönlichen Voraussetzungen in der Welt der Beziehungen empfinden, können sie ihnen dabei helfen, konstruktiv in dieser Welt zu handeln.

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