Fallstudien zu Geschwisterbeziehungen

Ressourcen und Belastungen

Welche Ressourcen und Belastungen stecken in Geschwisterbeziehungen? Wie können Geschwister ihre Möglichkeiten entdecken, ausbauen, nutzen? Und Was hilft ihnen, Belastungen zu reduzieren? Solche Fragen standen am Anfang des Forschungsprojekts, für das der SOS-Kinderdorf e.V. mit der Universität Siegen kooperierte und das bis heute einmalig in Deutschland ist. Die Projektverantwortung lag bei Corinna Petri, Kristina Radix und Prof. Dr. Klaus Wolf.

Methode

In persönlichen Interviews erzählten fünf Geschwistergruppen aus drei deutschen SOS-Kinderdörfern von ihren positiven wie negativen Erfahrungen im Umgang mit ihren Geschwistern. Gespräche mit den betreuenden SOS-Kinderdorfmüttern ergänzten das Bild. Die Analyse beleuchtet insbesondere, wie Geschwister stärkende und belastende Aspekte ihrer Beziehung in Balance bringen und wie Fachkräfte sie dabei unterstützen können. Daraus ergeben sich viele wertvolle Impulse für die Praxis.

Geschwister – starke Partner, doch manchmal im Konflikt

Geschwister können einander in schwierigen Lebenslagen Halt geben. In problematischen Familienverhältnissen ist ihre Beziehung zueinander oft das einzig Verlässliche. Wenn die Eltern ausfallen, übernehmen einzelne Geschwister häufig schon als Kinder die Fürsorge für ihre Brüder und Schwestern. Angesichts von massivem Dauerstress in der Familie können Geschwisterbeziehungen jedoch auch ungünstige Züge annehmen. Oft haben die Verbindungen von Geschwistern sowohl unterstützende als auch weniger förderliche Anteile. Eine Fremdunterbringung aller oder einzelner Geschwisterkinder ist meist ein schmerzhafter Einschnitt für die gesamte Geschwistergruppe.

Geschwister als Unterstützer

Werden Geschwister gemeinsam am neuen Lebensort aufgenommen, haben sie die Möglichkeit, positive Aspekte ihrer Beziehung zu erschließen:

  • Schwestern und Brüder können sich bei der Neuorientierung Halt geben. Zusammen in einer SOS-Kinderdorffamilie oder nahe beieinander im Kinderdorf lebend, bewältigen Geschwister das Neue oft besser.

„Wir Kinder werden ja aus unserem Vertrauten herausgerissen - selbst wenn das ganz schrecklich war. Und wenn ich mir vorstelle, ich wär' getrennt gewesen von meinen Geschwistern und wär dann ganz allein vor diesem Neuen gestanden. Nein, also ich finde, das sollte man den Kinden nicht antun.“
Ehemaliges SOS-Kinderdorfkind*

  • Im geschützten Rahmen können sie problematische Rollenmuster ablegen. Ältere Geschwister lassen beispielsweise die Funktion als Elternersatz leichter los, wenn sie im Alltag erleben, dass es den Kleinen gut geht.
  • Ihre gemeinsame Geschichte hilft Geschwistern dabei, Erfahrungen zu verarbeiten. Miteinander sprechen sie oft auch leichter über ihre Erlebnisse und Gefühle als mit Erwachsenen.
  • Bei der Beantwortung der Fragen „Wer bin ich und woher komme ich?“ sind sich Geschwister wichtige Partner und Zeugen. Die eigene Identität zu finden ist eine bedeutende Entwicklungsaufgabe, Geschwister müssen sie nicht allein bewältigen.  

Belastende Aspekte in Geschwisterbeziehungen

Geschwisterbeziehungen können in schwierigen familiären Verhältnissen auch belastende Aspekte haben. Beim alltäglichen nahen Zusammenleben in einer Kinderdorffamilie kommen sie oft intensiv zum Ausdruck:

  • Materielle und seelische Not können Rivalität und Aggression unter Geschwistern schüren. Das macht den Alltag konfliktträchtig.

„Zwischen Daniel und Manuel kracht's teilweise gewaltig, weil Manuel so einer ist, der braucht die Kontrolle. Der muss die anderen kontrollieren, weil sonst könnt' ja wieder was Gefährliches auf ihn zukommen.“
SOS-Kinderdorfmutter*

  • Manche Kinder haben bestimmte Verhaltensmuster, wie die Sorge um jüngere Geschwister, sehr stark verinnerlicht. Ihr Handeln und ihre Persönlichkeit sind dadurch geprägt. Das schränkt ihre Entwicklungsmöglichkeiten ein.
  • Kinder setzen möglicherweise nicht bewältigte Vorerfahrungen in der Fremdunterbringung erneut in Szene. Sie machen deutlich, was sie erlebt haben, wenn sie unbewusst so handeln. Leben Kinder aus verschiedenen Herkunftsfamilien in einer Kinderdorffamilie, können sich solche Dynamiken hochschaukeln. 
  • Geschwister haben individuelle Beziehungen zu ihren Eltern und zum Teil auch unterschiedliche Kontaktwünsche. Das kann ebenfalls zu Konflikten führen.
  • Ungleichbehandlung durch die Eltern nehmen Geschwister in der Gruppe besonders intensiv wahr. Bemühen sich Eltern um die Rückführung einzelner Kinder kann das zur Zerreißprobe für Geschwister werden. Sie müssen sich dann mit der Frage auseinandersetzen, warum die Schwester oder der Bruder von den Eltern gewollt ist und sie selbst nicht. Gleichzeitig wirkt die Angst, von den Geschwistern getrennt zu werden.
  • Geschwister, die einander wichtig sind, machen sich oft große Sorgen um das Wohlergehen ihrer Brüder und Schwestern. Dies betrifft Geschwister, die in der Herkunftsfamilie zurückgeblieben sind, wie auch ältere Geschwister, die von der Fremdunterbringung in die Selbstständigkeit wechseln. Besonders belastend ist es, wenn der Kontakt abreißt.

Jede Geschwistergruppe ist ein eigener Kosmos

Das Forscherteam regt auf Basis der gewonnenen Einblicke folgendes an:

Bei der Aufnahme von Geschwistern muss in jedem Einzelfall geprüft werden, wie ihre Beziehung zueinander aussieht. Dabei ist zu überlegen, welche Chancen die gemeinsame Unterbringung bietet und mit welchen Dynamiken voraussichtlich gerechnet werden muss. Die Kinder sollten unbedingt dazu gehört werden, wer von ihren Geschwistern ihnen besonders nahe steht. Leben sie an getrennten Orten, brauchen sie Hilfe, um miteinander in Kontakt bleiben zu können. Sie sollten die Möglichkeit haben, sich als Geschwister zu erfahren und auch Zeit ohne Erwachsene gemeinsam verbringen können.

Prof. Dr. Klaus Wolf, Kristina Radix und Corinna Petri schlagen außerdem vor, an den Beziehungen pädagogisch zu arbeiten – unabhängig davon, ob die Geschwister gemeinsam oder getrennt leben. Im Sinne der bestmöglichen Entfaltung der Kinder halten sie es unbedingt für sinnvoll, Geschwisterbeziehungen in der stationären Erziehungshilfe insgesamt zu fördern. Sie empfehlen, die Kinder dabei zu begleiten, ihre Beziehungen weiterzuentwickeln und positiv zu gestalten.

„Uns verbindet so ein gewisses Band, das eigentlich niemand kaputtmachen kann. Aber nur, weil wir immer beieinander waren. Also die Verbindung, da möcht ich nicht, dass die irgendwie kaputtgehen sollte, ich würde die auch stark vermissen.“
Ehemaliges SOS-Kinderdorfkind*


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* Alle Zitate stammen aus:
Corinna Petri, Kristina Radix, Klaus Wolf (in Druck). Ressourcen, Belastungen und pädagogisches Handeln in der stationären Betreuung von Geschwisterkindern. Herausgegeben vom Sozialpädagogischen Institut des SOS-Kinderdorf e.V., Materialien 14. München 2012: Eigenverlag.

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