Reinhard Rudeck

"Helft uns, Geschwister zu sein!"

Gemeinsam aufwachsen im Spannungsfeld von Individualität und Familialität

Beitrag aus SOS-Dialog 2012

Beschreibung

Im kulturellen und gesellschaftlichen Bewusstsein sind Geschwisterbeziehungen seit eh und je vorhanden, das Thema "Geschwister" ist im Grunde jedem Menschen bekannt. Auch in der Sozialpädagogik spiegelt sich ein evidentes Erfahrungswissen zu Geschwistern wider. Über ihre Beziehungen untereinander wissen wir hingegen noch viel zu wenig. Das Thema erweist sich als in sich widersprüchlich und hochkomplex. Deutlich wird dieser Sachverhalt auch in der Sozialisationsforschung und in der Kindheitsforschung, in welchen Geschwisterbeziehungen thematisch über Jahrzehnte hin kaum beachtet wurden und eine eigenständige Geschwistertheorie bis heute nicht entwickelt wurde.

Reinhard Rudeck beschreibt zentrale Leitlinien in der bisherigen Theoriebildung. In einem ausführlichen Überblick erläutert er zunächst Geschwisterlichkeit als soziale Konstruktion entlang der Entwicklung des Leitbildes der bürgerlichen Familie. Eindrücklich verdeutlicht er im Anschluss daran die Ambivalenzen von Geschwisterbeziehungen und das Aufwachsen in den aus ihnen entstehenden dialektischen Spannungsfeldern. Er legt dar, warum sich Geschwisterlichkeit heutzutage nicht mehr allein durch Merkmale wie Geschlecht, Alter oder Rangfolge beschreiben lässt. Wichtig scheinen vielmehr das alltägliche Erleben und miteinander geteilte Erfahrungen in einem gemeinsamen Kontext zu sein. In Hinblick auf eine Fremdunterbringung bedeutet dies, dass Geschwisterbeziehungen in all ihren Facetten einzubeziehen und – unter Berücksichtigung erkennbarer Ambivalenzen und Spannungen – als mögliche Ressourcen und Vermittler von Kontinuität in einer extremen Umbruchsituation zu begreifen und in angemessener Form zu berücksichtigen sind.

Autoren

Reinhard Rudeck

Jahrgang 1949, Diplompsychologe, Leiter des Sozialpädagogischen Instituts (SPI) des SOS-Kinderdorf e.V. Arbeitsschwerpunkte: Ressourcenunterstützende Handlungsansätze in den Praxisfeldern und Institutionen der Jugendhilfe, Forschung im Bereich der stationären Hilfen der Erziehung, beteiligungsorientierte Entwicklungsprozesse in familialen und organisationalen Systemen, Jugendhilfeplanung, Strategieentwicklung in Non-Profit-Organisationen. (Stand der Veröffentlichung 2012)

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