SOS-Kinderdorf e.V. auf dem 16. DJHT

SOS-Fachtagung 2017

Digitalisierung. Kinder. Jugendhilfe.

Am 19./20. Oktober 2017 veranstaltete der SOS-Kinderdorf e.V. die Fachtagung „Digitalisierung. Kinder. Jugendhilfe. Balancen finden, Verantwortung übernehmen“. Wissenschaftler/-innen, Praktiker/-innen und Netzpioniere kamen nach Berlin, um herauszuarbeiten, welche (medien-)pädagogischen, technischen, ethischen und rechtlichen Anforderungen der digitale Alltag für Fachkräfte, aber auch für die Konzeptionen von Einrichtungen in der Kinder- und Jugendhilfe mit sich bringt.

Das Medienverhalten von Kindern und Jugendlichen

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Wie lange und auf welche Art Kinder und Jugendliche „on“ sind, wird seit Jahren wiederkehrend untersucht. Achim Lauber vom Institut für Medienpädagogik (JFF) in München betont, dass Zugehörigkeit und autonomes Handeln online wie offline für Kinder zentrale Bedürfnisse sind. Die meisten Medien begleiten junge Menschen heute ab dem Zeitpunkt des Einstiegs ein Leben lang. Dabei sind Social-Media-Angebote bei Kindern und Jugendlichen am beliebtesten: „Hier kann ich die Seite wechseln, vom Rezipienten zum Sender werden“, so Lauber. Dringenden Handlungsbedarf sieht er indes bei Kinderseiten im Netz: Aktuell gibt es zu wenig geprüfte, gezielt für Kinder konzipierte Seiten.

Zeitgemäße Medienbildung

Kinder und Jugendliche wachsen mit digitalen Medien auf, sie sind für sie Normalität. Medienbildung muss an diese Lebenswelt anknüpfen, so Prof. Franz Josef Röll von der Hochschule Darmstadt. Es braucht Rahmenbedingungen, die zur Situation der jungen Menschen passen, die sie in die Rolle von Ko-Produzenten schlüpfen lassen und in ihrer Selbstbildung und Persönlichkeitsentfaltung unterstützen. Vor diesem Hintergrund wandelt sich mit der Digitalisierung auch die Rolle der Fachkräfte: Sie sind nicht länger Anbieter, sondern werden zu Begleitern, die Lern- und Erfahrungsräume schaffen. „Das Ineinandergreifen von Bild, Ton und Hypertext müssen wir verstehen, indem wir es tun“, so Röll. Nur dann kann man zur nötigen Reflexions- und Urteilsfähigkeit in Bezug auf Medien kommen.

Einblicke in (medien-)pädagogische Arbeitsfelder der Kinder- und Jugendhilfe

Die Workshops und Impulsreferate auf der Fachtagung befassten sich mit verschiedenen Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe, in denen die Digitalisierung besonders  spürbar ist.
So wird beispielsweise die Dokumentation zunehmend digital. Für Dr. Thomas Ley von der Universität Bielefeld wirkt sich dies nicht nur auf die Methodik, sondern auch auf den Inhalt aus, etwa wenn Dritte unbemerkt mitlesen können oder wenn fest vorgegebene Kategorien es erschweren, die individuelle Entwicklung eines Kindes nachzuzeichnen.

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Ein weiterer Arbeitsbereich ist die Onlineberatung, zum Beispiel in Form von Expertenchats, Foren oder Mailberatung. Kordula Gruhn von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung hat die Erfahrung gemacht, dass sich durch die Anonymität und die schlichte Form der Kommunikation schwierige Themen schneller und direkter ansprechen lassen als in der Face-to-Face-Beratung. Auch die Wahrnehmung für das Gegenüber wird geschärft. Auf der anderen Seite kommt es bei der Onlineberatung leichter zu Missverständnissen, die nur schlecht korrigiert werden können.

Herausforderungen durch Big Data

Jede Suchanfrage, jeder Kontakteintrag im Handy, aber auch jede Fahrt mit eingeschaltetem Handy lässt sich digital zurückverfolgen – dies belegt der Politiker und Aktivist Malte Spitz anhand der Daten, die die Telekom von ihm gesammelt und gespeichert hat. Die zunehmende kommerzielle Verwertung und die gesellschaftliche Steuerungsfunktion, die datenbasierte Systeme übernehmen, bedrohen unsere Selbstbestimmung.

Für Spitz ergeben sich hieraus Probleme auf drei Ebenen: Erstens bauen die Systeme auf alten Vorurteilen auf, die wiederholt und so scheinbar belegt werden. Zweitens sind die Fehlerquoten sehr hoch. Und drittens verlieren wir die Kontrolle über das, was mit unseren Daten geschieht. Die entscheidende Stellschraube für uns als Datenproduzenten und -nutzer ist hier die IT-Sicherheit: Verschlüsselung und lokale Datenspeicherung. Dies kostet Zeit, Geld und Nutzerkomfort. Dementsprechend plädiert Spitz dafür, Datensicherheit als Pflichtaufgabe festzuschreiben und öffentliche Einrichtungen finanziell entsprechend auszustatten.

Selbstbestimmung durch digitale Ethik

Die Digitalisierung durchdringt unser Leben immer tiefer – doch unser Wertesystem ist darauf nicht eingestellt. Eine Medienethik, die sich mit Werten und Normen für digitales Handeln auseinandersetzt, ist vor diesem Hintergrund gefragter denn je, so Klara Neef, die am Institut für digitale Ethik der Hochschule der Medien in Stuttgart entsprechende Programme mitentwickelt. Da Kinder und Jugendliche sich heute weitgehend unbeobachtet in der digitalen Welt bewegen können, ist es notwendig, ihnen Orientierung zu geben und sie auf dem Weg zu einer eigenen digitalen Haltung zu unterstützen. Eine solche Haltung  entwickelt sich im Tun. Deshalb ist auch hier eine enge Zusammenarbeit mit der Pädagogik unabdingbar.

Fazit

Science Slam auf der SOS-Fachtagung 2017

Science Slam auf der SOS-Fachtagung 2017

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Die auf der Fachtagung vorgetragenen und diskutierten wissenschaftlichen Erkenntnisse, Praxiserfahrungen und konzeptionellen Überlegungen boten den 150 Teilnehmenden Orientierung, machten aber auch unbeantwortete Fragen im Zusammenhang mit Metadaten und der eigenen digitalen Arbeitsweise sichtbar. Insgesamt wurde klar, dass es erst in wenigen Einrichtungen entsprechende Guidelines gibt und dass zu wichtigen Punkten auch eine politische Absicherung fehlt.

Durch die Verschränkung von relevantem Wissen, einer klaren Haltung und medienbildenden Angeboten kann die Pädagogik den Herausforderungen durch die Digitalisierung angemessen begegnen. Das Fundament hierfür bilden die zentralen pädagogischen Prinzipien der Beziehungsarbeit, der Befähigung, der Bildung und der Beteiligung.

 

Science Slam

„1001 Selfie" - Science-Slam-Beitrag auf der SOS-Fachtagung 2017 (Platz 1: Clarissa Schär)

„Immer Ärger mit Fred" - Science Slam auf der SOS-Fachtagung 2017 (Lukas Neuerburg)

„Auf einem Auge blind – auf dem anderen Bibi" - Science Slam auf der SOS-Fachtagung 2017 (Adrian Roeske)

 

Pogramm und Tagungsdokumentation

Programm zur Fachtagung 2017 - Digitalisierung. Kinder. Jugendhilfe.

Dokumentation zur Fachtagung 2017 - Digitalisierung. Kinder. Jugendhilfe.


Vorträge

Lauber - Medienhandeln junger Menschen 

Kutscher - Herausforderungen und Perspektiven der Digitalisierung


Prof. Dr. Röll - Medienbildung in der digitalen Welt. Einordnung, Bandbreite und Erfordernisse

Spitz - Selbstbestimmtes Leben in Zeiten alltäglicher Verdatung

Neef - Digitale Ethik. Prinzipien und Überlegungen zum Umgang mit Medien


Inputs in den Workshops

Dr. Ley - Digitale Dokumentation

Meinel - Offene Jugendarbeit

Gruhn - Onlineberatung

Graf und Hundenborn - Entwicklungsprozess eines Trägers


Kurzpräsentationen der Medienansätze

Rödiger - juuuport - Peer-to-Peer-Beratung

Rahnfeld - OP!N - Digitale Beteiligungsformate

Schulz - Chaos Computer Club - Medienkompetenzschulungen für Kinder und Jugendliche

Behar-Kremer - digitale Helden - Peer-to-Peer-Medienbildung

Kubel - meredo - Kinder und Jugendliche als Medienmacher

Lange - BITS 21 - Fachkräfte medienpädagogisch schulen

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