SOS-Fachtagung 2008

"Jugendhilfe und Gesundheitshilfe - Zwei Systeme nähern sich an"

Mitte November 2008 fand im SOS-Kinderdorf Berlin-Moabit die Fachtagung des deutschen SOS-Kinderdorfvereins unter reger Beteiligung statt. Zum Thema "Jugendhilfe und Gesundheitshilfe – zwei Systeme nähern sich an" trafen Fachleute aus ganz Deutschland zusammen, um sich der Frage zu widmen, welche Rolle Gesundheitsförderung und Prävention in der Kinder- und Jugendhilfe spielen sollten. Zum Zeitpunkt der Tagung entstand gerade der 13. Kinder- und Jugendbericht zum Thema. Der Vorsitzende der Berichtskommission konnte als Gastredner gewonnen werden.

Kooperation zweier Systeme

© Prof. Dr. Heiner Keupp, LMU München vergrößern

Tenor an beiden Tagen der Veranstaltung war die dringende Notwendigkeit zur Kooperation zwischen den beiden Hilfesystemen. Prof. Dr. Heiner Keupp, Vorsitzender der Kommission zum 13. Kinder- und Jugendbericht, stellte gleich eingangs die These auf: Hier begegnen sich zwei Fremde, die im Laufe der Zeit einen unterschiedlichen Sprachcode, ja sogar Feindbilder gegeneinander entwickelt haben. Die Überwindung dieser Fremdheit erfordere nicht nur Übersetzungsarbeit zwischen den beiden Sprachsystemen, es ginge auch um wechselseitige Anerkennung und gegenseitigen Respekt.

Messbare Wirkung von Chancengleichheit auf die Gesundheit von Kindern

Im Ziel sind sich die Akteure beider Systeme einig: Es geht um die Gesundheitsförderung benachteiligter Kinder. Wie empirische Studien belegen, steht schlechte Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen im direkten Zusammenhang mit ihrem sozialen Status und der Chancengleichheit beim Aufwachsen. Prof. Dr. Andreas Klocke von der Fachhochschule Frankfurt am Main brachte eine weitere Komponente ins Spiel, die sich seiner Ansicht nach sogar noch stärker auswirke als der Faktor soziale Ungleichheit. Gemeint ist das sogenannte soziale Kapital, also die Ressource eines auf Vertrauen basierenden sozialen Netzwerks. Laut einer laufenden Studie, an der Prof. Klocke maßgeblich beteiligt ist, hängt gesundheitsförderndes Verhalten, wie Zahnhygiene, Sport, gesunde Ernährung oder Nichtrauchen, stark mit dem Vorhandensein von sozialem Kapital zusammen. Damit bestätigt sich einmal mehr: Je besser die Bedingungen sind, unter denen Kinder und Jugendliche aufwachsen, desto gesünder wachsen sie heran.

Prävention und nicht nur Behandlung von Krankheiten

Ein moderner Ansatz, den sowohl die Medizin als auch die Kinder- und Jugendhilfe verstärkt in den Blick nimmt, ist das Konzept der Salutogenese. Hierbei verschiebt sich der Fokus: Statt wie bisher lediglich Krankheiten zu behandeln, wird Prävention zur zentralen Aufgabe der Gesundheitsarbeit gemacht. Das in den 1980er-Jahren von dem Medizinsoziologen Aaron Antonovsky entwickelte Modell ist nur einer von vielen Ansatzpunkten wenn es darum geht, Kindeswohl zu fördern. Zunehmend kommt auch der sogenannte Capabilities-Ansatz ins Gespräch. Die Lebensumstände von Kindern und Jugendlichen sollen hierbei so gestaltet werden, dass sie die eigenen Verwirklichungschancen besser nutzen können.

Frühe Hilfen oder rechtzeitige Hilfen

© fachpolitische Diskussion vergrößern

In der fachpolitischen Diskussion, die vom Vorstandsvorsitzenden des SOS-Kinderdorfvereins, Prof. Dr. Johannes Münder, geleitet wurde, ging es um die Frage, wann Hilfen zur Prävention von Kindeswohlgefährdung ansetzen sollten. Reicht es aus, wenn rechtzeitig geholfen wird, oder sind etwa Ansätze zu favorisieren, die sogenannte Frühe Hilfen anbieten? Frühe Hilfen gewinnen auch in der Arbeit von SOS-Kinderdorf e.V. an Bedeutung. Kann man also nicht früher als gerade noch rechtzeitig in die mögliche Gefährdung von Kindeswohl eingreifen, und ist nicht gerade hier die reibungslose Zusammenarbeit zwischen Kinderärzten und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe wünschenswert? Von Säulen der Fachlichkeit, die durch Zusammenarbeit überwunden werden müssen, sprach in seinem Abschlussvortrag Prof. Klaus Schäfer vom Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration in Nordrhein-Westfalen. Auch er wünscht sich eine nachhaltige Kooperation und die Entwicklung einer gemeinsamen (Fach-)Sprache zwischen den beiden Systemen.

Kooperation in der Praxis

Die zahlreichen Beispiele aus der Praxis, die auf der Tagung lebendig präsentiert wurden, haben gezeigt, wie Kooperation gelingen kann. Sei es ein Programm zur Gesundheitsförderung der AOK Rheinland/Hamburg, bei der die Elternbildung im Vordergrund steht, oder die Elternschule der Stadt Hamm, sei es ein Projekt des SOS-Kinderdorfs Schleswig-Holstein, bei dem junge Mütter psychosoziale Betreuung und Hilfe im Umgang mit ihren Kindern erhalten, oder das Modellprojekt der Familienhebammen in Berlin-Kreuzberg. Soziale Träger arbeiten zunehmend niedrigschwellig, um mehr als nur rechtzeitig da zu sein.

Insgesamt bot die Tagung eine gelungene Mischung aus Theorie und Praxis; Gäste, Teilnehmer und Organisatoren haben engagiert mitgewirkt. Wichtig ist, und darüber waren sich alle einig, dass das Thema Gesundheit in der Kinder- und Jugendhilfe aktuell bleibt, über die derzeitigen Diskussionen und den 13. Kinder- und Jugendbericht hinaus.

In der Dokumentation 7 der SPI-Schriftenreihe sind die Beiträge der SOS-Fachtagung 2008 noch einmal zusammengefasst.

Aktuelle Downloads:

Seite drucken

© SOS-Kinderdorf e.V.