Eine Kinderdorfmutter im Berliner Großstadtdschungel

Im Porträt: SOS-Kinderdorfmutter Birgit Kramm

Wenn die kleine Chantal morgens geweckt wird, weiß sie, dass nicht ihre leibliche Mutter am Bettchen steht. Aber Birgit Kramm, von Beruf SOS-Kinderdorfmutter, ist für die Dreijährige da – rund um die Uhr, fast wie eine richtige Mama. Chantal ist das Nesthäkchen der fünfköpfigen SOS-Kinderdorf-Familie. Gemeinsam mit ihren beiden Geschwistern lebt Chantal seit einigen Wochen im SOS-Kinderdorf Berlin-Moabit, dem ersten deutschen SOS-Kinderdorf mitten in einer Großstadt.

"Chantals Mutter war von der Erziehung des Mädchens und seiner beiden Geschwister völlig überfordert. Sie wussten nicht einmal, wie man sich die Zähne putzt und dass man sich morgens wäscht", erinnert sich Birgit Kramm zurück. Inzwischen, drei Monate nach Eröffnung des ersten SOS-Kinderdorfes im Berliner Bezirk Mitte-Moabit, erkennt die Berliner Erzieherin die drei Geschwister Chantal (3), Nick (4) und Silke (6) kaum wieder. Anziehen, Zähneputzen, Waschen, Tisch decken. "Das geht fix der Reihe nach und fast ohne Reibereien", sagt sie stolz.

Enger Kontakt mit der Familie

Fünf Kinder aus zerrütteten Familien leben derzeit im Erdgeschoss eines Berliner Hinterhauses, das zur familiengerechten Wohnung mit Garten umgebaut wurde. Neben einem Küchen- und Wohnbereich gibt es vier Kinderzimmer sowie ein Spiel- und Tobe-Zimmer.

Auch die beiden "Großen", Nadine (11) und Christina (12) kommen aus sozial belasteten Familien. Um die Kinder wieder an einen strukturierten Tagesablauf zu gewöhnen, hat Birgit Kramm in Absprache mit ihnen als erstes einen Plan entworfen und am Kühlschrank aufgehängt: Wer wann Tischdienst hat, steht da. Wer morgens den Müll zur Tonne bringt und abends zur Belohnung im begehrten bequemen Ohrensessel im Wohnzimmer Fernsehen darf. "Es war ein hartes Stück Arbeit, aus einer zusammengewürfelten Gruppe von vernachlässigten Kids eine richtig nette Familie zu machen", sagt die SOS-Mutter.

Modellversuch: Kein Ortswechsel

Das erste SOS-Kinderdorf in der Großstadt ist ein Modellversuch. "Anders als in herkömmlichen SOS-Kinderdörfern bleiben die Kinder in der Umgebung, in der sie groß geworden sind. Und sie behalten, soweit möglich, die Kontakte zu Eltern und Freunden", erklärt Birgit Kramm. Alle Kinder sind "Sorgerechtsfälle", über das Jugendamt vermittelt. Birgit Kramms Vormittag vergeht mit Dienstbesprechungen, Einkäufen, Ämtergängen, Telefonaten und der Haushaltsführung, am Nachmittag hilft sie den Kindern bei den Hausaufgaben, fährt sie zum Sport oder macht Unternehmungen mit ihnen.

"Ich will keine bessere Mutter sein!"

Um den Job als SOS-Mutter hat sich Birgit Kramm beworben, weil sie sich nach 18 Jahren als Erzieherin beruflich verändern wollte. "Ich wäre auch in ein herkömmliches SOS-Kinderdorf auf dem Land gegangen", erzählt sie. "Aber dieser Job hier ist spannender, auch wegen der Nähe zum Kiez. Man muss sich besonders anstrengen, damit die Kinder in dem negativen Umfeld einen starken Charakter entwickeln." Mindestens zwei Jahre wird jeder ihrer Pfleglinge im Haus bleiben, notfalls jedoch bis zur Volljährigkeit. Als Konkurrenz für die leiblichen Eltern sieht sich Birgit Kramm trotzdem nicht: "Ich will keine bessere Mutter sein, die Kinder nennen mich auch nicht Mama, sondern beim Vornamen. Die leiblichen Eltern behalten das Sorgerecht und können ihre Kinder, wenn möglich, regelmäßig besuchen."

Eine Mini-Auszeit zum Kraft-Tanken

Eine eigene Familie hat die Erzieherin nicht. "Für die Gründung einer eigenen großen Familie bin ich zu alt. Und ein Partner käme bei dem Vollzeitjob immer zu kurz", sagt sie lächelnd. Fünf Tage arbeitet die SOS-Mama rund um die Uhr im Dorf, die übrigen zwei kümmert sich ihr Stellvertreter Andre Gaatz um die Familie. Birgit Kramm hat ein Büro sowie ein separates Zimmer nebst Waschraum für sich. Manchmal nimmt sie sich mitten im Trubel eine "Mini-Auszeit". Trinkt allein eine Tasse Kaffee oder hört über Kopfhörer Musik. So tankt sie neue Kraft. "Bin gleich wieder da" steht dann auf dem Zettel an ihrer Tür. Und die Familie hält sich daran.

Text und Bilder: Pressebüro Spreetext, Berlin
Wir bedanken uns herzlich für die Abdruckrechte.

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