Kauffrau für Bürokommunikation: Neustart mit Familie in Zürich

„Ich habe gelernt, mich selbst anders zu sehen“

               

Video: Portrait Bianca Borgholte Mit knapp 25 Jahren bekommt Bianca Borgholte die Zusage: Sie hat einen Ausbildungsplatz im SOS-Berufsausbildungszentrum (BAZ) Berlin sicher: Kauffrau für Bürokommunikation. Die Zusage ist für die Alleinerziehende eine große Erleichterung. Welche Hürden es während ihrer Ausbildungszeit zu nehmen galt und wie das BAZ Berlin sie dabei unterstützt hat, berichtet Bianca Borgholte in diesem Kurzfilm.

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„Das Wichtigste ist, dass alle gut versorgt und im richtigen Kurs sind. Die Listen müssen stimmen, Kostenübernahme, Rechnungen, Raumorganisation – es kommt darauf an, dass es schnell geht und wir in der Verwaltung den Überblick behalten.“ Bianca Borgholte arbeitet in einer Züricher Sprachschule für Menschen mit Migrationshintergrund. Sie unterstützt die Kursleiter und sorgt hinter den Kulissen für einen reibungslosen Ablauf. Ihre Aufgabe ist es auch, Einstufungstests zu machen und Interessierte bei der Kursauswahl zu beraten. Von Alphabetisierungskursen bis zum Intensivkurs mit Zertifikat reicht das Spektrum, einige Kurse bieten auch Kinderbetreuung an. Die Kauffrau für Bürokommunikation freut sich besonders über den Kontakt zu Menschen. Durch ihre Lehrzeit am SOS-Berufsausbildungszentrum Berlin und mehrere Jahre Berufserfahrung ist Bianca Borgholte auf die vielseitige Tätigkeit gut vorbereitet. „Langeweile kommt dabei nicht auf“, bemerkt sie schwungvoll, „und ich habe das Glück, in einem tollen, hilfsbereiten Team zu arbeiten.“

Meistens klingelt das Telefon. Heute meldet sich ein Teilnehmer krank, noch spricht er die Landessprache kaum. Jetzt kommt es erst einmal darauf an, herauszufinden, wer genau der Mensch am Telefon ist, welchen Sprachkurs er besucht und bei welchem Trainer. Denn nur dann kann Bianca Borgholte die Anwesenheitsliste entsprechend ergänzen, das Fehlen als entschuldigt vermerken. Für einige Sprachschüler ist das die Voraussetzung dafür, dass ihre staatlichen Bezüge nicht gekürzt werden. Die Kauffrau steht im engen Kontakt zur Gemeinde, zu öffentlichen Trägern und Behörden, u.a. zum Arbeitsamt. Denn einige Schülerinnen und Schüler erhalten Bildungsgutscheine, andere zahlen selbst.

Seit gerade einmal vier Wochen arbeitet Bianca als kaufmännische Angestellte in der Sprachschule ECAP Zürich, die als Stiftung firmiert. Wenn sie darüber spricht, klingt es, als sei sie schon seit Jahren dabei. Das liegt bestimmt auch an ihrer angenehmen Art, auf Menschen sehr offen und fröhlich zuzugehen. Dass sie früher einmal zurückhaltend war und Berührungsängste hatte, ist der jungen Frau nicht anzumerken. Im Laufe ihres Berufslebens hat die Kauffrau für Bürokommunikation eine große Professionalität entwickelt.

Der Weg zu einem zufriedenen Berufs- und Familienleben

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Irgendwann einmal ihren Traum zu erreichen, daran hat sie immer gearbeitet, aber manchmal fast nicht mehr geglaubt. Heute sagt sie: „Ich bin endlich angekommen mit 35 Jahren. Ich habe das Glück, mit meiner Tochter und meinem Partner ein gemeinsames Familienleben führen zu dürfen. Wir haben uns in der Schweiz ein schönes Zuhause geschaffen, sind alle gesund und gehen alle drei einer Arbeit nach. Dieses Jobangebot war sozusagen das Sahnehäubchen auf dem bunten Eisbecher meines Lebens.“

Auf ihrem Weg dahin hatte die Berlinerin viele Durststrecken zu überwinden, hat immer hart gekämpft. „Jeder fängt ja irgendwann an, für sich zu überlegen: Was erwarte ich denn vom Leben, was will ich? Und ich glaub, ich bin da recht bescheiden. Alles, was ich wollte, ist eine intakte Familie, ein menschenwürdiges Leben, also einen Job mit einem fairen Gehalt und die Möglichkeit, mir auch privat Wünsche zu erfüllen, wie z.B. einmal im Jahr zu verreisen. Das klingt ganz leicht, ist aber in der heutigen Zeit nicht so einfach umzusetzen. In Berlin ist es sehr schwer, im kaufmännischen Bereich einen normal bezahlten Job zu finden, der über ein Praktikum oder eine geringfügige Beschäftigung hinausgeht.“ Das hatte sie sich nach ihrer Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation leichter vorgestellt.

Ausbildung im SOS-Berufsausbildungszentrum Berlin

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Die Ausbildungszeit im SOS-Berufsausbildungszentrum (BAZ) Berlin hat für Bianca auch jetzt noch eine große Bedeutung. Als sie 2004 nach langer Bewerbungsphase die Zusage bekam – sie war 25, ihre Tochter sechs Jahre alt –, war das für sie eine große Erleichterung. „Gerade junge Mütter haben es extrem schwer auf dem Arbeitsmarkt. Und ich bin sehr froh, dass ich meine Ausbildung im SOS-Berufsausbildungszentrum machen durfte und nicht am freien Arbeitsmarkt. Denn dadurch konnte ich viel mehr lernen, nicht nur an Fachwissen, sondern auch im Bereich Sozialkompetenz, Selbstbewusstsein, Selbstständigkeit.“ Die Ausbildung erlebte sie als vielseitig und praxisnah. Neben den Praktikumsphasen in verschiedenen Betrieben organisierten die Auszubildenden selber Fachtagungen, machten den europäischen Computerführerschein, durchliefen alle Abteilungen des BAZ und kamen durch die Öffentlichkeitsarbeit auch in Kontakt mit Politikerinnen und Politikern.

„Was mich wirklich gestärkt hat, war die Gemeinschaft bei SOS-Kinderdorf. Die Ausbilderinnen, die Sozialpädagoginnen und -pädagogen und auch die Mit-Azubis haben alle dazu beigetragen, dass ich gelernt habe, mich selbst anders zu sehen“, reflektiert Bianca. „Ich war bis dahin immer sehr streng mit mir und hatte immer das Gefühl, was ich leiste ist nie genug.“ Im BAZ habe sie nicht nur sehr viel positives Feedback bekommen. Die Menschen standen ihr auch immer zur Seite, sagt sie, selbst nach der Ausbildung konnte sie noch dort anrufen, wenn sie mal nicht wusste, wie es für sie weitergehen soll.

Bianca Borgholte während ihrer Ausbildung

„Den Menschen im Berufsausbildungszentrum war bewusst, dass es nicht einfach ist, als alleinerziehende Mutter eine Ausbildung zu machen. Andere Azubis wohnen zu Hause bei Mama und Papa, werden bekocht, bekommen ihre Wäsche gewaschen. Wir hingegen mussten Rechnungen bezahlen, die Miete überweisen, morgens die Kinder anziehen, für sie da sein. Wir mussten zur Berufsschule, Lernen, Kochen, Putzen, Waschen … – das ist für Auszubildende ja nicht unbedingt der Normalzustand“, lacht die kaufmännische Angestellte. „Bei manchen kamen noch familiäre Probleme hinzu, und im Normalfall hätten es einige von uns wahrscheinlich nicht gepackt. Im BAZ wurden wir einfach aufgefangen und hatten dort einen sehr sicheren Raum. Das Interesse der Einrichtung war ja, dass wir so viel wie möglich lernen und dass alle den Abschluss schaffen. Um das zu unterstützen, haben sie alles getan, was sie tun konnten. Der Rest hing von einem selbst ab. Also: Was nehme ich daraus mit, wie weit nehme ich die Hilfe an und inwiefern nutze ich die Chance?“

Chancen erkennen und nutzen lernen

Bianca Borgholte nutzte ihre Chance, indem sie sich mit einer Agentur für Vermögensberatung selbstständig machte. Die folgenden dreieinhalb Jahre waren eine sehr dichte, anspruchsvolle Zeit, die der Alleinerziehenden viel gab, ihr aber auch Vieles abverlangte. „Ich investierte alles, was ich konnte, um mir und meiner Tochter eine Existenz aufzubauen.“ Praktisch hieß das: Pendeln, Termine am Abend und am Wochenende, Dienstreisen, auf die auch ihre Tochter oft mitkam – arbeiten rund um die Uhr.

„Was mir immer viel Kraft gegeben hat, weiterzumachen, war einfach der Aspekt, dass ich Mutter bin und ein Kind zu versorgen hab. Das hat mich unter einen gewissen Druck gesetzt, aber auch motiviert. Es war immer mein Ansporn, dass meine Tochter ein gutes Leben hat und dass ich sie unterstützen kann, wenn sie später ihren eigenen Weg geht.“ Sie möchte die Zeit nicht missen, sagt sie. Auch die Kundinnen und Kunden, die immer wieder zurückmeldeten, wie zufrieden sie mit der Beratung seien, gaben ihr Auftrieb.

Ein neuer Lebensabschnitt

Doch irgendwann wurde die Belastung zu groß, hinzu kam noch die finanzielle Unsicherheit und die anhaltende Sorge darum, dass ihre Tochter immer zu kurz kam. Als ihr Partner dann aus beruflichen Gründen in die Schweiz übersiedelte, traf sie ihre Entscheidung. „Es ist mir schwer gefallen, die Existenz, die ich mir aufgebaut habe, in die ich dreieinhalb Jahre harte Arbeit gesteckt habe, abzugeben an andere. Das war hart, und es ging mir eine ganze Weile nicht gut damit.“

Ihre Tochter dagegen, die zuerst gar nicht mit in die Schweiz ziehen wollte, hat sich am schnellsten eingelebt. Die 16-Jährige absolviert zurzeit ein Berufsvorbereitungsjahr und hat ab dem Sommer einen Ausbildungsplatz in einem Frisörbetrieb sicher. „Das war unsere größte Angst. Aber sie hat hier ganz schnell Leute kennengelernt. Ist ja auch ein hübsches Mädchen, natürlich haben sich die Jungs sofort bereit erklärt, ihr Zürich, Basel und alles andere zu zeigen. Da hieß es dann nur: ‚Tschüss, Mama, ich bin dann auf dem Weg nach Basel!‘ Aber das ist ja das Wichtigste für die Eltern, dass man weiß, okay, das Kind ist schon mal glücklich, und der Rest findet sich auch noch.“

Wenn Bianca sich heute auf ihrem Südbalkon zurücklehnt, den Blick über die Dächer und das viele Grün in ihrem kleinen Dorf bei Zürich schweifen lässt, ist sie sehr zufrieden. Bis Zürich kann man von ihrer Wohnung aus sehen, bei gutem Wetter sogar bis zum Alpengürtel. Diese Lebensqualität will die Berlinerin nicht mehr missen, am Feierabend fühlt es sich fast an wie Urlaub. Hier kann sie zur Ruhe kommen. „Die beste Erfahrung hier ist, dass man davon leben kann, wenn man arbeiten geht. Ich arbeite in meinem erlernten Beruf, der Job macht mir jeden Tag Spaß – ich kann jetzt ankommen, mich mit meinen Erfahrungen einbringen und habe eine echte Perspektive.“

Auch die Schweizer Mentalität tut der temperamentvollen jungen Frau gut. „Die Menschen lassen sich hier nicht hetzen. Sie sind fleißig, machen sich aber nicht kaputt.“ Nur manchmal, wenn es im Supermarkt gar zu gemächlich zugeht, bemerken sie und ihr Partner: „Da ist noch so viel Berlin in uns drin.“ Doch sie genieße die Langsamkeit, sagt Bianca, mit der sie hier zum ersten Mal im Leben in Berührung kommt.

               

Video: Portrait Bianca Borgholte Mit knapp 25 Jahren bekommt Bianca Borgholte die Zusage: Sie hat einen Ausbildungsplatz im SOS-Berufsausbildungszentrum (BAZ) Berlin sicher: Kauffrau für Bürokommunikation. Die Zusage ist für die Alleinerziehende eine große Erleichterung. Welche Hürden es während ihrer Ausbildungszeit zu nehmen galt und wie das BAZ Berlin sie dabei unterstützt hat, berichtet Bianca Borgholte in diesem Kurzfilm.

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