Michael Winkler

Wie familienähnliche Hilfen zu beurteilen sind. Oder: Kleines Plädoyer für das Eigenrecht von Imitaten

Beschreibung

Stellt man die Leistungsfähigkeit des Familiensystems und seine Belastungen in modernen Gesellschaften familienähnlichen Hilfeangeboten gegenüber, so kommt man nicht umhin, festzustellen, dass in den Debatten um Familienähnlichkeit in Betreuungssettings ein präziser Begriff von Familie fehlt. Familienähnlichkeit, -nähe und -orientierung stellen jedoch wichtige Bezugspunkte in der Organisation von Hilfeprozessen dar. Welche Konsequenz erwächst daraus für das Verständnis familienähnlicher Angebote? Und woran lässt sich deren Qualität messen?

Entlang dieser Fragestellungen erläutert Michael Winkler zunächst die Bedingungen gelebter Familienformen in all ihrer Pluralität. Darauf aufbauend argumentiert er, warum familienähnliche Hilfearrangements immer als Imitat – als "Pseudofamilien“  – verstanden werden sollten, da sie andernfalls eine Täuschung sind und für Enttäuschung bei allen Beteiligten sorgen. Umgekehrt bedeutet dies, dass sie als pädagogisches Setting eigener Art und mit eigener Qualität betrieben und beachtet werden müssen, weniger in Nähe oder Distanz zur Familie, sondern als eine spezifische pädagogische Lösung.

Der Autor setzt sich in seinem Plädoyer engagiert dafür ein, familienähnliche Betreuungsformen als organisierte Lebens- und Erziehungszusammenhänge wahrzunehmen. Als "pädagogische Lebensgemeinschaften" stellen sie einen anderen, fremden, neuen Ort in der biografischen Entwicklung von Kindern dar, und das bedeutet auch, dass sie in Differenz bleiben gegenüber der Herkunftsfamilie. In familienähnlichen Betreuungsformen geht es um die Erfahrbarkeit von Verlässlichkeit und um Lebenszusammenhänge, die als gute Erfahrungsfelder und Bildungsräume erlebt und später erinnert werden sollen – nicht als Ersatz der eigenen Familie oder gegen diese gerichtet.

Autoren

Prof. Dr. Dr. Michael Winkler

Jahrgang 1953, Dr. phil., Dr. phil. habil., Studium der Pädagogik, Germanistik, Geschichte und Philosophie; Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Theorie der Sozialpädagogik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Gastprofessuren an den Universitäten Graz und Wien. Arbeitsschwerpunkte: Theorie und Geschichte der Pädagogik und der Sozialpädagogik, pädagogische Zeitdiagnostik, Jugendhilfe, Hilfen zur Erziehung, insbesondere stationäre Betreuung von Kindern und Jugendlichen. (Stand der Veröffentlichung 2002)

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