SOS-Fachkongress 2000

Öffentlich erzogen – familiär betreut: Familienähnliche Betreuungsangebote in der Jugendhilfe

Kongressbericht

Erschienen in: Forum Erziehungshilfen Heft 4, 2000, S. 226 – 229, ISSN 0947-8957, Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen)

Familienähnliche Betreuungsangebote stellen innerhalb der Erziehungshilfen einen erheblichen Anteil an stationären Plätzen für Kinder und Jugendliche zur Verfügung, die nicht in ihrer Herkunftsfamilie leben können. So wächst ein großer Teil von Kindern längerfristig oder vorübergehend in Pflegefamilien, Kinderdorffamilien, Familien-, Außen-, bzw. Lebensgemeinschaftswohngruppen, Kleinstheimen oder Erziehungsstellen auf. Dennoch existierte bislang in diesem Bereich kaum ein Fachdiskurs. Der Arbeitskreis Deutscher Kinderdörfer und die Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) nahmen diese Situation zum Anlass und führten einen Kongress durch mit dem Ziel, eine intensive Fachdiskussion über familienähnliche Betreuungsangebote in der Jugendhilfe in Gang zu bringen. Eine breite Themenpalette bot Mitarbeitern/innen aus familienähnlichen Settings und anderen Heimeinrichtungen ausführlich Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Das Interesse an dem Kongress war ausgesprochen groß. Mit 380 Teilnehmern/innen war die Veranstaltung vollkommen ausgebucht, weiteren Interessenten/innen musste aus Kapazitätsgründen abgesagt werden.

Ein inhaltlicher Aspekt zog sich wie ein roter Faden durch die Vorträge, Arbeitsgruppen und Diskussionen: Die vielfältigen Formen familienähnlicher Betreuung bewegen sich mit ihrem Angebot grundsätzlich in dem Spannungsfeld zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Als Teil der Kinder- und Jugendhilfe erhalten sie einen öffentlichen Erziehungsauftrag und sind verpflichtet, den Erziehungsprozess zu planen und den Jugendbehörden und Eltern gegenüber offen zu legen und überprüfbar zu machen und sich an den aktuellen Entwicklungen der Jugendhilfelandschaft auszurichten. Gleichzeitig liegen aber ihre Stärke und ihr unverwechselbares Qualitätsmerkmal darin, Kindern und Jugendlichen einen familialen Ort zum Aufwachsen anzubieten.

Zu Beginn nannte Dr. Volker Then (SOS-Kinderdorf e.V., München, Sprecher des Arbeitskreises Deutscher Kinderdörfer) unverzichtbare Qualitätsmerkmale von Kinderdorffamilien, wie zielorientiertes Arbeiten im Rahmen der Hilfe- und Erziehungsplanung, Beteiligung der Kinder und Jugendlichen, partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Eltern, Teamarbeit, Beteiligung an Prozessen der Qualitätsentwicklung und -sicherung und zugleich Elemente wie Intimität und Privatheit, weitgehende Autonomie bei der Gestaltung des alltäglichen Zusammenlebens, die alters- und geschlechtsgemischte Zusammensetzung der Familengruppen, verlässliche und tragfähige Beziehungs- und Bindungsangebote für Kinder und die konzeptionell gewollte Aufhebung der sonst üblichen Trennung von Dienst und Freizeit. Zentral sei die Frage, wieviel Einblick und Kontrolle ein professionelles Setting verträgt, das einen familienähnlichen Betreuungsanspruch verfolgt.

Hans-Ullrich Krause (Kinderhaus Berlin-Mark Brandenburg, Vorsitzender der IGfH, Frankfurt am Main) stellte für den Kongress die Frage, wie es in Zeiten der Individualisierung und Enttraditionalisierung um das Familienmodell in der stationären Erziehung von Kindern stehe, die nicht zu Hause leben können. Es sei heute ausgesprochen schwierig, Erzieher/innen dafür zu gewinnen, mit Kindern in einer familienähnlichen Gemeinschaft zu leben, also die Privatsphäre mit zunächst fremden Kindern zu teilen. In einer in hohem Maß individualisierten Gesellschaft würde die Familie als Institution grundsätzlich in Frage gestellt, was sich auch bei der Personalsuche zeige. Deshalb seien die Umsetzungschancen familienähnlicher Modelle in der Jugendhilfe kritisch zu hinterfragen.

Erziehung in Lebensgemeinschaften

Im Eröffnungsvortrag setzte sich Dr. Klaus Wolf (Fachhochschule Neubrandenburg) kritisch mit den Implikationen des Begriffs Familienähnlichkeit innerhalb der Erziehungshilfen auseinander. Familienähnlichkeit sei in diesem Zusammenhang eine Selbstetikettierung, die für alle Beteiligten bestimmte Funktionen erfülle: So hätten Kinder und Jugendliche beispielsweise für sich denWunsch, in möglichst normalen Verhältnissen aufzuwachsen. Familiale Formen innerhalb der Heimerziehung kämen diesem Wunsch zwar am nächsten und wirkten so Stigmatisierungen entgegen, sie seien aber in Gefahr, Kinder zu (ent-)täuschen, weil sie in Wirklichkeit institutionelle Settings seien. Klaus Wolf schlug vor, an Stelle von Familie von Lebensgemeinschaft zu sprechen. Lebensgemeinschaften würden plurale, unterschiedlich intensive Formen des Zusammenlebens von Kindern und Erwachsenen im Bereich der Erziehunghilfen ermöglichen – von der Wohngemeinschaft bis hin zu einen familialen Arrangement. So würden keine überzogenen oder unrealistischen Erwartungen hervor gerufen. Eine Lebensgemeinschaft dieser Ausrichtung sei als pädagogischer Ort zu verstehen, an dem für das Kind bewusst ein Lebens- und Lernfeld gestaltet wird, das Orientierung und Verbindlichkeit für die kindliche Entwicklung bietet.

Perspektive von Kindern und Jugendlichen

Prof. Dr. Jürgen Blandow (Universität Bremen) ging in seinem Vortrag darauf ein, wie ausgeprägt Kindheit und Jugend insgesamt (und auch in der Hilfe zur Erziehung) heutzutage von Erwachsenen verplant würde. Kinder würden quasi zu "Projekten", zu Opfern postmoderner Entwicklungen, die mit den Schlagworten Entstrukturalisierung und Individualisierung beschrieben werden können, was bei den Kindern in der Heimerziehung zu spüren sei. In der öffentlichen Erziehung stünden u.a. administrative und finanzielle Bedingungen und das Lohnerziehersystem für seine Durchregelung und damit in Widerspruch zu einer Erziehung zu Selbstständigkeit und Autonomie und ihrem Modus der Selbstregulierung, was Kinder teilweise verwirren würde. Er plädierte dafür, Kinder und Jugendliche konsequent in die Erziehungsprozesse einzubeziehen. Partizipation wollte er als kontinuierlichen, wechselseitigen Einigungsprozess verstanden wissen, die nicht als methodisches Instrument eingesetzt wird, sondern am Prinzip der demokratischen Erziehung anschließt. Und nach wie vor seien Liebe und Geduld zentrale Schlüsselbegriffe für alle Sozialisationsinstanzen, denen eine Ideologie des Plan- und Herstellbaren häufig entgegen stehe.

Pädagogisches Handeln

Prof. Dr. Wilfried Hosemann (Universität Bamberg) führte aus, wie professionelles Handeln im Rahmen von Alltagspädagogik im familienähnlichen Kontext aussehen könnte. Familie bestünde vor allem aus Kommunikation, in die sich alle Beteiligten mehr oder weniger einbringen und familiale Prozesse könnten als das Hervorbringen einer gemeinsamen Familiengeschichte begriffen werden. Dieses Verständnis nehme zuständigen Erziehungspersonen den Druck, immer richtig handeln zu müssen. In der Alltagspädagogik würden Alltagssituationen für zielgerichtetes pädagogisches Handeln genutzt. Sie knüpfe entsprechend an Routinen, Gesten, Zeitrhythmen und sozialen Erfahrungen an, müsse eine erhebliche Fehlertoleranz zum Zwecke von Lernchancen aufbieten und bewusst und reflektiert mit Ohnmachtssituationen umgehen.
In Arbeitsgruppen, die diesem und den anderen Fachvorträgen folgten, wurde deutlich, dass der Ort des Aufwachsen so wenig künstlich wie möglich gestaltet sein solle, damit Kinder darin für ein späteres Leben in Selbstständigkeit und Selbstverantwortung außerhalb dieses öffentlichen Erziehungsraumes befähigt werden. Gerade hierin liege die Stärke familialer Betreuung, weil sie ein überschaubares, kontinuierliches und an der "Normalität" von Alltagsabläufen orientiertes Lebensfeld schaffe.

Familienähnlichkeit im Kontext

Prof. Dr. Joachim Merchel (Fachhochschule Münster) ordnete familienähnliche Betreuung in das Gesamtsystem Jugendhilfe ein. Dafür mangele es allerdings an empirischen Ergebnissen zum Stellenwert familienanalog strukturierte Wohn- und Betreuungsformen innerhalb der Jugendhilfe. Neben rechtlichen Aspekten des KJHG und jugendhilfestatistischen Daten hob er besonders zwei Punkte hervor: Ein Merkmal von Prozessqualität in familialen Betreuungsangeboten sei der reflektierte Umgang mit Familienähnlichkeit. Dazu gehöre, dass die Mitarbeiter/innen sich als Fachkräfte und nicht als Eltern verstünden, dass sie die Kinder darin förderten und unterstützten, sich mit ihren leiblichen Eltern auseinander zu setzen und das Aufrechterhalten einer Privatheit für die erwachsenen Pädagogen/innen, die nicht im Gruppenalltag aufgehe. Dieses Qualitätskriterium ist laut Merchel notwendige Bedingung für den mittel- und langfristigen Fortbestand familienähnlicher Betreuung. Sie würde immer mit dem Widerspruch zwischen persönlichen Beziehungen und dem institutionellen Charakter und der formalen Organisation von öffentlicher Erziehung umzugehen, also eine Balance zwischen Nichtformalität und Formalität herzustellen haben. Angesichts dieses Widerspruches löste die Frage nach einem zeitlich befristeten, aber dennoch familienähnlichen Zusammenleben intensive Diskussionen aus. Nachdem das Gros der stationären Unterbringungen immer kürzer ausfällt, wird sich familienanaloge Betreuung deutlich dazu stellen müssen, ob und wie sie Kindern auch für kurze Zeit einen sinnvollen Lebensort bieten kann.

Perspektive der Mitarbeiter/innen

Mitarbeiter/innen in der familienanalogen Betreuung sehen sich komplexen Rollenanforderungen gegenüber, sollen Fachkraft sein, soziale Elternschaft übernehmen, im Team arbeiten, das Alltagsleben autonom gestalten und sich in institutionelle Gegebenheiten einfügen. Prof. Dr. Gerhard Veith (Katholische Fachhochschule Freiburg) wies auf den Widerspruch zwischen der persönlichen Autonomie der Mitarbeiter/innen und den Strukturvorgaben und der Weisungsbefugnis in Organisationen hin, der sich zum Beispiel in der Entscheidungskompetenz bei der Aufnahme eines Kindes zeige. Der Ort des Lebens und Arbeitens sei zugleich privat und öffentlich, was zu einer erheblichen Arbeitsbelastung führe, und Zeiten für persönliche Hobbies und den eigenen Freundeskreis kämen regelmäßig zu kurz. Ein weiteres Spannungsfeld liege zwischen der Familiengruppe und der eigenen Kernfamilie, also den Paaren mit eigenen Kindern. Mitarbeiter/innen müssten über hohe personale Kompetenzen und Belastbarkeit verfügen, um in diesem Arbeitsfeld tätig zu sein. Als Unterstützung benötigten sie einen klar strukturierten organisatorischen Rahmen, ausreichend Möglichkeiten zur fachlichen Reflektion, eine überdurchschnittliche Vergütung und Regelungen für einen vorgezogenen Ruhestand.

Aufgaben für die familienähnliche Betreuung

In einer Podiumsdiskussion wurde festgestellt, dass Entwicklungsaufgaben für familienähnliche Betreuungsformen in Zukunft u.a. darin lägen, geeignete Lebensorte auch für sogenannte schwierige, verstörte Kinder, für Jugendliche und bei kurzfristiger Unterbringungsperspektive zur Verfügung zu stellen. Außerdem solle familienähnliche Betreuung Kindern und Jugendlichen zwar ein verlässliches Beziehungsangebot machen, ihnen zugleich aber auch die Möglichkeit geben, das Verhältnis von Nähe und Distanz selbst zu bestimmen. Für das Pflegekinderwesen wurde ein erheblicher Professionalisierungsbedarf reklamiert, damit die Pflegepersonen in die Lage versetzt würden, ihre Aufgabe kompetent wahrzunehmen.

Zum Kongressabschluss führte Hans-Joachim Gelberg (Kinderbuchverleger, Weinheim) in seinem "fachfremden" Beitrag aus, wie Kindheit in Geschichten der Kinderliteratur gezeichnet wird. In Kinderbüchern sei deutlich wie kaum an anderer Stelle, wie stark sich Kinder von Erwachsenen unterscheiden und dass Erwachsene immer wieder von Kindern lernen könnten.

Die große Resonanz auf den Kongress zeigte, dass bei den Fachkräften ein enormer Bedarf an Austausch über die Praxis familienähnlicher Betreuung besteht, der bisher nicht gedeckt wurde. Insofern ist die Veranstaltung als gelungener Auftakt für eine fortzuführende Debatte in diesem Bereich der Fremplatzierung zu sehen. In diesen Dialog sollten künftig verstärkt öffentliche Träger einbezogen werden.

Das Sozialpädagogische Institut im SOS-Kinderdorf e.V. wird ein Diskussionsbuch mit ausgewählten Beiträgen des Kongresses heraus geben, das die Debatte zum Thema befruchten und voranbringen soll. Das Buch soll 2002 erscheinen.

Kristin Teuber
Sozialpädagogisches Institut im SOS-Kinderdorf e.V.

Der Fachkongress fand vom 14. bis 16. März 2000 in Erfurt statt.

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