Verselbstständigungsangebote in SOS-Einrichtungen: Heike Jockisch und Ulrike Ebbing im Gespräch

Fließende Übergänge und Transparenz auf dem Weg in ein eigenverantwortliches Leben

SOS-Kinderdorf Kaiserslautern; Einrichtungsleiterin, Mitarbeiterin und Jugendliche im Garten der LauBE

„Wenn junge Menschen in der Jugendhilfe in die Selbstständigkeit gehen, also eine Berufsausbildung beginnen oder in eine eigene Wohnung ziehen, brauchen sie oft noch einen fürsorglichen und zugewandten Menschen an ihrer Seite, der für sie ansprechbar ist zu Fragen aus allen Bereichen des Lebens –  von der Alltagsabwicklung über berufliche und partnerschaftliche Fragen bis hin zur Gesundheitsfürsorge.“ Heike Jockisch leitet seit knapp fünf Jahren das SOS-Kinderdorf in Kaiserslautern, dessen Angebot die Jugendwohngruppen, das Betreute Wohnen, das Familienhilfezentrum und die Schulsozialarbeit umfasst. Im Gespräch berichtet sie vom breiten und flexiblen Angebotsspektrum in ihrer Einrichtung und von der Haltung, mit der die Betreuten dort auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben begleitet werden.

Individuell passende Erfahrungsräume schaffen
Manche der jungen Menschen, die vor dem Übergang in die Eigenständigkeit stehen, seien erst relativ spät in die Jugendhilfe gekommen, sagt Jockisch. Meist haben sie vorher jedoch nur wenig angemessene Förderung bzw. Unterstützung erfahren. Gerade wenn Care-Leaver in ihrem Elternhaus wenig Halt bekommen haben, wenn sie sich kaum als selbstwirksam erlebt und kein sicheres Bindungsverhalten entwickelt haben, kann man nicht erwarten, dass sie – nach relativ kurzer Zeit in einer Wohngruppe – mit 17, 18 oder 19 Jahren schon auf eigenen Beinen stehen, so die Psychologin: „Es hat mit der jeweiligen individuellen Biografie und den erlebten Belastungen zu tun, welche Form von Unterstützung ein junger Mensch noch benötigt und wie eng die Nachbetreuung sein muss.“

Ulrike Ebbing

Ulrike Ebbing

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Dementsprechend ist es ein Anliegen des SOS-Kinderdorfvereins, Leaving-Care-Prozesse bereits früh in den Blick zu nehmen und in allen Einrichtungen ein Angebotsprofil vorzuhalten, das hinsichtlich der Inhalte und der Betreuungsintensität abgestuft ist. „Junge Menschen brauchen Erfahrungsräume, in denen sie ihre Stärken erkennen und entwickeln können, in denen sie herausfinden können, wer oder was ihnen hilft und wo sie sich Unterstützung für den Weg in die Eigenständigkeit holen können. Dazu ist auf beiden Seiten – bei den jungen Menschen wie auch bei den Betreuungspersonen – neben vielen anderen Dingen ein Zutrauen, ein Zumuten sowie ein Zulassen und Loslassen nötig“, so Ulrike Ebbing, Referentin für Angebots- und Qualitätsentwicklung. Sie unterstützt die Einrichtungen im SOS-Kinderdorf e.V. unter anderem bei der Entwicklung von Konzepten zum Leaving Care und fördert den Austausch von Good-Practice-Beispielen auf übergreifenden Fachtagungen und Fortbildungen sowie im Rahmen des vereinsinternen Wissensmanagements.

Differenzierte Wohn- und Angebotsformen ermöglichen fließende Übergänge
Die SOS-Einrichtung in Kaiserslautern, die seit 45 Jahren Jugendliche stationär betreut, hat nach und nach ein breites Spektrum an Wohn- und Angebotsformen entwickelt – von der regulären Wohngruppe über das Verselbstständigungswohnen und das Betreute Wohnen bis hin zur intensiven Anbindung und Begleitung Ehemaliger. Dies ermöglicht fließende, auf den individuellen Bedarf der jungen Menschen abgestimmte Übergänge und entspricht damit genau dem pädagogischen Konzept des SOS-Kinderdorf e.V.

SOS-Kinderdorf Kaiserslautern - Jugendhaus

SOS-Kinderdorf Kaiserslautern - Jugendhaus

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Bevor die Jugendlichen in Kaiserslautern den Schritt von der Wohngruppe ins Betreute Wohnen wagen, können sie zunächst in das sogenannte Verselbstständigungswohnen wechseln. Sie leben dann in einem separaten Haus, das sich auf dem Gelände der Jugendeinrichtung in unmittelbarer Nähe zur Wohngruppe befindet. Dort haben sie die Möglichkeit, im Sinne einer weitgehend eigenständigen Lebensführung im Alltag für sich selbst zu sorgen. Zugleich haben sie aber noch eine enge Anbindung an die Gruppe und deren Versorgungsstruktur und können sich jederzeit an ihre Bezugsbetreuerinnen bzw. -betreuer wenden.

Mehr Privatsphäre und größere Freiräume sind für die Jugendlichen eine verheißungsvolle Aussicht. Um ins Verselbstständigungswohnen wechseln zu können, müssen sie aber auch ein relativ hohes Maß an Eigenverantwortung mitbringen. Dazu gehört, eigenständig aufzustehen und Termine wahrzunehmen, Ordnung zu halten und die Hausaufgaben selbstständig zu erledigen. © johannawittig / photocase.de vergrößern „Viele unserer Jugendlichen können ganz gut einschätzen, wann sie dafür bereit sind“, so Jockisch. „Wenn sie dann abends allein im Wohnzimmer sitzen, müssen sie sich oft aber auch erst einmal mit dem Alleinsein auseinandersetzen, mit Geräuschen vor dem Haus, auch wenn es vielleicht nur die Katze war, die den Bewegungsmelder ausgelöst hat. Die erste Übergangsbegleitung ist daher auch eine psychische Vorbereitung, etwa darauf, wie es ist, auf sich selbst gestellt zu sein und mit Einsamkeit umzugehen.“

Der nächste Schritt ist in der Regel der Übergang ins Betreute Wohnen. Die jungen Menschen leben dann in eigenen, auf dem freien Wohnungsmarkt angemieteten Appartements. Auch in dieser Phase der Verselbstständigung werden sie intensiv begleitet – eine wichtige Anlaufstelle ist für sie die sogenannte LauBE*, das Bürohaus des Betreuten Wohnens. Hier bieten pädagogische Fachkräfte ihnen Unterstützung und Beratung an; ein Mitarbeiter hat dort auch seinen Wohnsitz. Außerdem gibt es in der LauBE zwei zusätzliche Wohnmöglichkeiten für junge Erwachsene mit einem erhöhten Bedarf an fachlicher Begleitung. Sie profitieren  von einem höheren Betreuungsschlüssel und dem direkten Ansprechpartner im Haus.

Transparente Prozesse und Vereinbarungen auf Augenhöhe
© Armin Staudt-Berlin / photocase.de vergrößern Bevor die jungen Menschen ins Betreute Wohnen wechseln, gibt es eine ausführliche Kennenlernphase, in der ein Beziehungs- bzw. Arbeitsrahmen geschaffen wird. Die Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen füllen u.a. ein Formular zur Einschätzung der eigenen Verselbstständigungsfähigkeit aus und beantworten für sich Fragen wie die Folgenden: Wo stehe ich in meinem Leben – hinsichtlich der Schule, meiner persönlichen Lebensführung, meines sozialen Umfelds? Wie schätze ich meine eigene Persönlichkeitsstruktur ein? Wo habe ich noch Schwierigkeiten? Was läuft schon gut? Am Ende dieses Aufnahmeverfahrens wird ein Betreuungsvertrag geschlossen. Er beinhaltet einige Regeln, etwa die Selbstverpflichtung, die Schule oder Ausbildung zu besuchen. „Viele der Jugendlichen, selbst diejenigen, die in der Wohngruppe oft gegen Regeln verstoßen haben, kommen mit diesem auf Augenhöhe geschlossenen Vertrag sehr gut zurecht und übernehmen Verantwortung“, freut sich Jockisch.

Dass dieses Konzept trägt, liegt nicht zuletzt daran, dass der Vertrag, aber auch die Verselbstständigung frühzeitig angebahnt und die Jugendlichen in die Prozesse eingebunden werden. „Wir gehen davon aus, dass ein junger Mensch, der in unsere Einrichtung kommt, sich hier verwurzeln darf, und dass Einrichtungsleiterin Heike Jockisch © SOS-Kinderdorf Kaiserslautern; Einrichtungsleiterin Heike Jockisch vergrößern diese Wurzeln eben nicht sofort gekappt werden, sondern dass sie bestehen bleiben“, erläutert die Einrichtungsleiterin. In diesem Sinne habe das SOS-Kinderdorf Kaiserslautern auch eine Handlungsleitlinie für den Übergang von der Wohngruppe ins Betreute Wohnen entwickelt. Ziel sei es, „den Jugendlichen einen organisch gewachsenen, fließenden Übergang zu ermöglichen. Wir wollen für die Mitarbeiter/-innen und den Jugendlichen ein transparentes, nachvollziehbares, aber im Einzelfall auch flexibles Verfahren anbieten, und wir wollen Transparenz erreichen in Bezug auf den Entscheidungsprozess und die Frage, wann ein Jugendlicher verselbstständigt wird.“

Wünschenswert wäre es, beim Wechsel zwischen den verschiedenen Einrichtungsteilen noch mehr reversible Wege anbieten zu können und das Betreuungskontingent auch noch einmal erhöhen zu können, wenn die Lebenslage des jungen Menschen es erfordert. Im Sinne der Chancengerechtigkeit will die Einrichtung die Care-Leaver z.B. auch auffangen, falls sie in einer Situation scheitern sollten, etwa wenn sie eine Prüfung nicht bestehen – so, wie es in der Regel das Elternhaus tun würde.

Anbindung und Rückhalt auch nach der Verselbstständigung
Zu den wichtigsten Gelingensfaktoren in der Begleitung von Übergängen gehört laut Jockisch, personelle Kontinuität zu gewährleisten und Konzepte wie Familialität und Zugehörigkeit zu leben. Für die jungen Menschen, die oft herausfordernde und diskontinuierliche Lebenswege gehen, sollte auch über das Betreuungsende hinaus die Sicherheit bestehen: „Es sind Menschen an meiner Seite, an die ich mich wenden kann, egal was kommt. Auch wenn ich gescheitert bin, kann ich dorthin gehen, ohne mich schämen zu müssen.“ 

Eine gewachsene Beziehung in der Betreuung müsse natürlich auch respektieren, dass die jungen Menschen ihr entwachsen. So versteht die Psychologin die Verselbstständigung als einen Prozess, in dem man groß werden darf, Raum hat, ohne bevormundet zu werden, und sich darauf verlassen kann, dass jemand da ist, der zuhört, der mit überlegt und Ideen formuliert, ohne Vorgaben zumachen. Dann, so die Erfahrung in Kaiserslautern, entwickeln die jungen Erwachsenen Selbstvertrauen und erleben sich als selbstwirksam. Wie stark die Verbundenheit ist, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass Care-Leaver selbst nach vielen Jahren immer wieder Kontakt suchen und sich – teilweise regelmäßig zu Festen, teilweise auch nur in bedeutenden Lebenssituationen – an die Einrichtung wenden. 

*LauBE = Lauterer Betreutes Einzelwohnen

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