Professorin Maren Zeller im Gespräch

Herausforderungen und Gelingensfaktoren in der Übergangsbegleitung

Die Lebenssituation junger Menschen auf dem Weg in die Eigenständigkeit hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Die Sozialforschung beschreibt das „junge Erwachsenenalter“ (oder auch „Emerging Adulthood“) als eine neue Lebensphase, in der sich der Übergang ins Erwachsenenleben über einen immer längeren Zeitraum erstreckt. Auch der 15. Kinder- und Jugendbericht stellt fest, dass die „Lebensphase Jugend“ heute bis weit ins dritte Lebensjahrzehnt hineinreicht. Für die betroffenen jungen Menschen geht es darum, Übergänge in unterschiedlichen Teilbereichen ihres Lebens zu bewältigen – gleichzeitig oder auch ungleichzeitig. So kann es sein, dass eine Person in einem bestimmten Bereich schon den Übergang ins Erwachsenenleben vollzieht, beispielsweise indem sie eine Familie gründet, während ein anderer Schritt, etwa der Einstieg in einen Beruf, noch aussteht.

Prof. Maren Zeller

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Professorin Maren Zeller von der Universität Trier blickt mit langjähriger Forschungserfahrung auf das Thema Leaving Care. Für junge Menschen, die die stationäre Erziehungshilfe verlassen, sei der Wechsel in ein eigenständiges Leben mit besonderen Herausforderungen verbunden: „Obwohl wir wissen, dass die Phase des Übergangs länger geworden ist, haben Care-Leaver ihre Verselbstständigung in einer kürzeren Zeit und daher mit einer anderen Dichte zu bewältigen. Dabei können sie – verglichen mit ihren Peers – in der Regel auf weniger Ressourcen zurückgreifen, sowohl auf der materiellen als auch auf der emotionalen Ebene.“

Sich zurechtfinden im Hilfedschungel

Auf struktureller Ebene ist Deutschland im Hinblick auf diesen Prozess grundsätzlich gut aufgestellt. Regelungen im Kinder- und Jugendhilfegesetz und nach Paragraph 41 des SGB VIII geben Kommunen die Möglichkeit, Hilfen bis zum 21. Lebensjahr und in bestimmten Fällen auch darüber hinaus zu bewilligen. In der Praxis werden diese Möglichkeiten jedoch nur selten in vollem Umfang genutzt: In der Regel entlässt man die jungen Menschen im Alter zwischen 17 und 19 Jahren in die sogenannte Selbstständigkeit. „Wenn die jungen Care-Leaver dann nicht auf eigenen Beinen stehen können, müssen sie sich in einer Art Hilfedschungel zurechtfinden, zwischen mehreren gesetzlichen Kreisen“, so Zeller. Die im Schnitt 18-Jährigen müssen sich beispielsweise um Bezüge nach SGB II oder um elternunabhängiges BAföG kümmern und die Suche nach einem Ausbildungsplatz oder einer eigenen Wohnung allein bewältigen. Gerade Letzteres kann ohne Bürgschaft der Eltern zu einer großen Herausforderung werden.

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„Die gesetzlichen Möglichkeiten, Hilfen über das 18. Lebensjahr hinaus zu gewähren, müssten stärker ausgeschöpft werden“, bekräftigt Zeller. Eine weitere notwendige Maßnahme sieht die Professorin darin, die Infrastruktur für Übergänge ins Erwachsenenalter auszubauen: „Die jungen Menschen bräuchten AnsprechpartnerInnen, Ombuds- oder Beratungsstellen, die – unabhängig vom jeweils zuständigen Hilfesystem – mit ihnen gemeinsam schauen, wo noch Bedarfe liegen und welche Unterstützung wo und von wem für sie beantragt werden könnte, so wie es einige Modellprojekte in Deutschland und Kanada bereits vorleben.“ Wissen zu müssen, welches Gesetzbuch, welche Behörde für ein bestimmtes Problem zuständig ist und welche Schritte man im jeweiligen Fall einleiten muss, überfordert viele Care-Leaver. Hinzu kommt, dass sich die wenigsten von ihnen auf ein privates Unterstützungsnetz im Hintergrund verlassen können.

Care-Leaver haben oft weniger emotionalen Rückhalt
Dass die Übergänge länger und herausfordernder werden, hat oft zur Folge, dass junge Menschen, die in ihrer Herkunftsfamilie aufwachsen, auch als Erwachsene emotional auf diese Familie zurückgreifen. Meist wissen sie, dass sie noch einmal für zwei Monate zu Hause einziehen könnten, falls etwas schief laufen oder es ihnen schlecht gehen sollte. Care-Leavern hingegen fehlt gerade diese Sicherheit, dieser emotionale Ort. Viele der jungen Menschen, die aus der stationären Jugendhilfe heraus in die Eigenständigkeit wechseln, haben keinen Rückhalt, manchmal auch keinerlei Kontakt mehr zu ihrer Ursprungsfamilie und fühlen sich ganz auf sich allein gestellt.

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Oftmals mangelt es auch an einer Person, an die sich Care-Leaver bei freudigen Ereignissen und mit Erfolgsmeldungen, etwa der bestandenen Prüfung, wenden können oder die gemeinsam mit ihnen Weihnachten und den Geburtstag feiert. Die Nachbetreuungsangebote der Einrichtungen – Ehemaligentreffen, Kontakte zu früheren Bezugsbetreuern etc. – können hier zwar ein gewisses Maß an Stabilität geben. Häufig fehlen jedoch feste Strukturen, in die Ehemalige immer wieder zurückkehren können und wo sie emotionale Unterstützung erhalten. Denkbar wären hier zum Beispiel der gemeinsame Kaffee am Sonntagnachmittag, eine regelmäßige Sprechstunde oder eine Handynummer für Notfälle.

Chancen durch Bildung
Auch in den Bereichen Schule, Ausbildung und Beruf werden die Spielräume aus Sicht der Übergangsforschung nicht immer bestmöglich im Sinne der jungen Menschen genutzt. Die professionelle Haltung in Deutschland, so Zeller, sieht vor, dass junge Menschen, die in die Heimerziehung kommen, sich erst einmal zurechtfinden und stabilisieren sollen. Über die Schulausbildung wird oft erst im zweiten Schritt nachgedacht. Studien aus dem angelsächsischen Raum zeigen jedoch, dass der schulische Erfolg nicht nur ausschlaggebend für den beruflichen Weg ist, den jemand einschlägt, sondern dass er sich auch wesentlich auf das momentane Wohlbefinden („Wellbeing“) auswirkt.

Die Pädagogin empfiehlt daher, die Bildungsperspektive von Anfang an als Ressource mitzudenken. So hätten die Kinder und Jugendlichen bereits während der Eingewöhnung die Chance, möglichst bald in der neuen bzw. bisherigen Schule Fuß zu fassen und sie als Erfahrungs- und Anerkennungsraum für sich zu nutzen. „Für diese jungen Menschen ist es ganz zentral, immer den für sie höchstmöglichen Bildungsabschluss zu erreichen, um damit gut aufgestellt zu sein“, stellt Zeller fest. „Überspitzt gesagt wird dagegen immer noch eher pragmatisch dafür gesorgt, dass sie einen passablen Schulabschluss erreichen und in eine Ausbildung kommen. Dann stehen sie schnell auf eigenen Füßen, sind finanziell einigermaßen versorgt und können so auch gut mit 18 verselbstständigt werden.“

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Dieser einfachste Weg sei aber nicht immer der vorteilhafteste für die jungen Menschen. Auch wenn es mit mehr Komplexität und Herausforderungen für die Praxis verbunden ist, sollte das Ziel aus Sicht der Bildungsforschung „aiming high“ lauten. Das heißt, jedes Kind sollte dabei unterstützt werden, das im Rahmen seiner individuellen Möglichkeiten höchste Bildungsziel zu erreichen – und zwar auch dann, wenn Bildungskarrieren nicht geradlinig verlaufen. Die Aussagen der Ehemaligen stützen diese These: Viele von ihnen hätten sich im Zuge ihrer Berufsfindung statt pragmatischer Ausbildungsoptionen eine Beratung gewünscht, die möglichst nah an ihren Neigungen und Möglichkeiten ansetzt.

Bildungserfolg fördern
Um junge Menschen in Kinderdorffamilien oder Wohngruppen auf ihrem Bildungsweg individuell zu begleiten und zu unterstützen, sollten im Alltag immer wieder bewusst Lerngelegenheiten gestaltet werden, bei denen man sich zum Beispiel gemeinsam mit politisch-kulturellen Themen auseinandersetzt. Dazu sind natürlich entsprechende Ressourcen erforderlich.

Eine entscheidende Rolle spielen auch die Haltung und die Vorbildfunktion der Fachkräfte. Empirische Daten zeigen, dass viele Mädchen und Jungen in der Heimerziehung aus bildungsfernen Elternhäusern kommen, in denen Schule nicht unbedingt positiv konnotiert war. Entsprechend wichtig ist es, im pädagogischen Alltag alternative Modelle und Vorstellungen zu vermitteln und auch zu verkörpern.

Care-Leaver, die ihren Weg als erfolgreich einschätzen, berufen sich häufig auf Schlüsselpersonen, die ihnen vermittelt haben: ‚Ich glaub an dich, du kannst das!‘, und die sie bei Durchhängern sehr unterstützt haben.“ Solche Personen – etwa ErzieherInnen oder LehrerInnen – üben großen Einfluss auf das Gelingen von Bildungs- und Verselbstständigungsprozessen aus. Aber auch Peers, beispielsweise in den Wohngruppensettings, können einander Vorbilder sein und sich gegenseitig mitziehen.

Übergänge begleiten
Junge Menschen erleben den Wechsel in die Selbstständigkeit in der Regel als positiv, wenn sie die Übergänge in den verschiedenen Teilbereichen des Lebens nacheinander angehen dürfen, anstatt drei Schritte parallel machen zu müssen. Entsprechend hilft es, wenn zum Beispiel das Ende der Erziehungshilfe, der Ausbildungsabschluss und ein Ortswechsel nicht gleichzeitig stattfinden.

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Zudem spielt in der Begleitung von Übergängen neben der Vermittlung alltagspraktischer Kompetenzen und Fertigkeiten die emotionale Vorbereitung eine entscheidende Rolle. „Die zentralen Bereiche sind ja Orientierung, Zukunftsplanung, Sinnfragen und Perspektiven: Wohin will ich in meinem Leben, wo sehe ich mich später? Was ist mir wichtig, auch in Bezug auf soziale Beziehungen? Wie kann ich Beziehungen eingehen und halten? usw. Das sind die schwierigeren Themen, die meist nicht so sehr im Fokus der Vorbereitung auf die Selbstständigkeit stehen. Natürlich sind diese zentralen Fragen auch nicht im Alter von 17, 18 Jahren geklärt, sondern begleiten die jungen Menschen noch im jungen Erwachsenenalter, mindestens bis 27. Und daher können sie auch nicht bis zum 18. Lebensjahr umfassend vorbereitet werden.“

Zeller hält es daher für entscheidend, Übergänge nicht nur gut vorzubereiten, sondern auch tatsächlich zu begleiten. Hier spiele nicht zuletzt die Nachbetreuung eine bedeutende Rolle. Dabei gehe es vor allem um die Frage der Betreuungskontinuität, um das Ausschöpfen der rechtlichen Möglichkeiten und um die Unterstützung in Leerlaufphasen, die sich gerade zwischen Schulabschluss und Ausbildungs- bzw. Studienbeginn immer wieder auftun: Phasen, in denen die jungen Menschen meist ohne Einkommen und ohne Anspruch auf Wohngeld etc. dastehen.

Perspektivwechsel
Wenn Maren Zeller sich für Care-Leaver etwas wünschen könnte, dann wäre es eine Haltung, die auch im Modell des „Corporate Parenting“ zum Tragen kommt. Dieses sieht vor, dass sich der Staat, die Kommunen und die Einrichtungen als „Eltern“ der Care-Leaver verstehen. Alle Entscheidungen in Bezug auf das Kind bzw. den Jugendlichen müssten die Institutionen so treffen, als ginge es um ihr eigenes Kind. „Wenn diese Haltung selbstverständlich wäre“, bemerkt Zeller, „dann würde auch niemand denken: ‚Ach, da reicht auch ein Hauptschulabschluss.‘“

Ein neues Bewusstsein bzw. Selbstverständnis sei zudem noch auf einer anderen Ebene erstrebenswert: So sollten die Betroffenen an den Entscheidungsprozessen, die ihre Lebenslage betreffen, persönlich beteiligt werden. Entsprechende Lobbystrukturen haben beispielsweise angelsächsische und skandinavische  Länder wie auch die Niederlande bereits etabliert. Dort vertritt u.a. ein „Child and Youth Advocat“ die Anliegen der jungen Menschen gegenüber der Politik.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch eine umfassende Beratung: Care-Leaver, die sich selbst organisieren und für ihre Rechte einsetzen, müssen erfahrungsgemäß erst einmal lernen, wie man in politischen Strukturen klug agiert, um seine Ziele zu erreichen. „Um auf politischer Ebene etwas zu bewirken, ist es letztlich unabdingbar, dass beides zusammenkommt: das Engagement in eigener Sache – hierzulande etwa das des Careleaver e.V. – und die strukturelle Unterstützung durch Lobby- und Advocacystrukturen“, resümiert Zeller. „Ich wünsche mir für Care-Leaver, dass sie die nötigen Strukturen und Beratungsangebote erhalten, um mit einer noch größeren Selbstverständlichkeit auftreten und eine gute Unterstützung einfordern zu können.“

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© SOS-Kinderdorf e.V.